Te Araroa Diaries Teil 7

Von Boyle nach Arthurs Pass.

Wie ich mir meinen „Restday“ vorgestellt habe? Genau so. Wirklich genau so. Die einzige Strecke die ich heute zurückgelegt habe, lag zwischen Küche, Bad und Bett. Nicht nur, weil meine Füße mir für diese Pause danken, viel mehr eigentlich weil ich, seit wir hier sind, an der Fertigstellung der Blogartikel arbeite. Selbst wenn ich dafür, wie jetzt gerade, an meinem freien Tag bereits um sechs Uhr morgens an meinen Handy sitzen muss. Und das habe ich mir so vorgestellt? Ja schon, und ehrlich gesagt ist es die beste Abwechslung von den langen Wandertagen die ich mir vorstellen kann. Ich wandere also zwischen meinem Bett, wo ich schreibe und der Küche, wo ein Haufen frisches und leckeres Essen auf mich wartet hin und her und genieße den ungewohnten Luxus unserer Cottage in vollen Zügen. In der Küche wuseln gerade die anderen Te Araroa Walker umher mit denen wir uns schon die letzten Hütten geteilt haben und mit einem Tee (in meinem Fall) und einen Kaffee (in Michas Fall) in der Hand gesellen wir uns dazu. Jeder Handgriff, sei es der zum Öffnen des Kühlschranks oder der zum Wasserhahn, ist ein purer Genuss und es tut gut zu sehen, dass es den anderen Wanderern auch so geht. Dank der lieben Mitarbeiterin des Outdoor Education Centers können wir jetzt zum Frühstück sogar leckeres Avocadotoast mit Salami genießen. Sie hat uns nämlich gestern gefragt, ob sie uns ein paar frische Lebensmittel aus Hanmer Springs mitbringen soll, was für eine Frage! Jetzt wartet im Kühlschrank nicht nur unser Frühstück, sondern ich kann mich auch (und das ist wirklich DAS Highlight des Tages) auf eine riesige Portion Nudeln mit Bolognese am Abend freuen. So rauscht der Tag nur so vorbei, während mir schon der Daumen vom Schreiben auf dem kleinen Display wehtut und der Beitrag über die Richmonds nicht einmal ansatzweise fertig ist sind wir schon wieder dabei das Abendessen vorzubereiten. Eben stand die Mitarbeiterin mit einer Zwiebel in der einen Hand, und Kokosöl in der anderen, in der Tür, um uns beides mit den Worten: „Ich hab eben darüber nachgedacht wie ihr ohne Öl eine Bolognese anbraten wollt?“, zu überreichen, während ich mich gefreut habe wie ein Kind zum Geburtstag. Micha hat dann das Los des Zwiebelschneiders bekommen (ja, natürlich selbstgewählt :D) und schwupsdiewups steht das Essen auf dem Tisch. Eine Packung Nudeln, 300g Tomatensoße und 500g Rindergehaktes verschwinden (Wie kann man bitte soviel essen?) bevor wir uns nach einem geeignetem Nachtisch umsehen. Dann geht es wieder an die Arbeit bis wir endlich, 23:50 den letzten Artikel hochladen und in die Betten fallen. Was für ein genialer Tag.

Das wir es heute natürlich nicht schaffen, wie geplant, um 5:50 aufzustehen war, wenn ich ehrlich zu mir bin, ja eigentlich abzusehen. Naja, so haben wir den Wecker eben wieder ausgestellt, schlechtes Gewissen inklusive. Hätte ich vorher gewusst, dass einen dieses Gewissen dann aber vom weiteren Schlafen abhält hätte ich dann doch auf diese nette „Inklusivleistung“ verzichtet. So stehen wir dann also doch eine Stunde später in der Küche und genießen die letzten Avocadotoasts für die nächsten Wochen. Draußen regnet es in Strömen und das schon seit der halben Nacht, wir können uns also auf ein richtiges Matschfest freuen. Die Tatsache hat auch bestimmt keinen Einfluss darauf, dass das Packen der Sachen ganz unverhofft doch länger dauert als gewöhnlich …

Letztendlich haben wir es dann doch noch geschafft in unsere Schuhe zu schlüpfen und stiefeln los. Schon nach fünf Minuten merke ich, dass Neoprenschuhe anstatt der Wanderstiefel wohl die bessere Wahl gewesen wären. Erinnert werde ich bei jedem Auftreten mit einen kräftigen „pffft“ an die inzwischen bestehende Pfütze im Inneren meiner Schuhe. Dabei ist das Wasser nicht etwa durch meine Schuhe gekommen, nein, die sind schön wasserdicht. Das Wasser ist stattdessen an meinen Beinen heruntergelaufen, durch den Gamaschenbund gesickert und sammelt sich nun, zur Freude unsererseits, in den mit Goretex ausgestatteten Schuhen. (Wer jemals nasse Goretex Schuhe hatte, weiß dass diese tagelang trocknen müssen) Mal wieder. Naja was solls, dann hat sich das Trocknen unserer Schuhe in den letzten Tagen wohl doch nur für die ersten zehn Minuten gelohnt…

Dann kommt auch schon die erste Flussdurchqueerung des heutigen Tages. Gestern saßen wir TA Walker noch gemeinsam am Tisch und haben lang und breit darüber diskutiert ob wir hier wohl stecken bleiben werden oder nicht, bis wir uns letztendlich darauf geeinigt haben, dass der Fluss zumindest einen kleinen Nervenkitzel in den Tag bringen wird.

Ganz so schlimm wie erwartet ist es dann aber nicht. Der Fluss fließt hier zwar ziemlich schnell ist aber, glücklicher Weise nicht allzu tief. Ich bin erleichtert. Bei dem Wetter jetzt zwei Stunden Umweg bis zur nächsten Brücke in Kauf zu nehmen hätte mir so gar nicht in den Kram gepasst. Trotzdem zögere ich noch kurz und genieße das inzwischen auf Badetemperatur angewärmte Wasser in meinen Schuhen, bevor ich zusammen mit Micha in den Fluss stiefele. Schon sind meine Füße eiskalt. Toll, nicht dass es schon nervig genug ist mit Wasser in den Schuhen zu laufen, nein, es muss auch noch eiskaltes Wasser sein. Was solls… Wir arbeiten uns durch die Strömung. Erst den einen Stock, dann den Anderen, dann die Füße. Immer wieder reist mir die Strömung die Wanderstöcke weg wenn sie ins Wasser eintauchen. Sowas nerviges. Nach gefühlt tausend gescheiterten Versuchen hab ichs… Ich hole mit dem Wanderstock in der Hand kräftig aus und mit genug Schwung steckt er irgendwo im Flussbett zwischen ein paar Steinen bevor die Strömung ihn Flussabwärts schieben kann. Perfekt, und schon sind wir drüben. Jetzt sind wir wenigstens nicht nur von oben, sondern wenigstens bis zum Knie, auch von unten durchnässt.

Aber der Weg will uns heute schonen und so geht es weiter, zuerst durch das Tal des Boyle Rivers und später durch Wald und Grasebenen. Das Wort Ebene ist wie Schokolade im Mund, und bedeutet für uns: wir müssen heute nirgendwo hochklettern. Die Zeit geht so auch ziemlich schnell vorbei und schon sind wir an unserem ersten Ziel, einer kleinen „basic hut“. Ich kann es gar nicht erwarten endlich meine nassen Sachen loszuwerden, ich bin nämlich wortwörtlich durchnässt bis auf die Unterwäsche. Vielen Dank in dem Sinne an OutdoorResearch für diese nicht nur „ultraleichte“, sondern auch „ultraunnötige“ Regenjacke. Ich sage euch, es ist wirklich ein wunderschönes Gefühl zu spüren wie Tropfen für Tropfen durch die Jacke dringt und den Rücken hinunterläuft (wer mag das nicht, daher absoluter Kauftipp! 😄).

Letztendlich rege ich mich ein bisschen weiter auf und ziehe mich einmal komplett um, bevor wir uns für die letzten zwei Stunden in den Regen zurückbegeben. Wald und Wiese wechseln sich weiterhin ab, wir begegnen der ein oder anderen Kuh (oder deren Überreste 😩) und dann sind wir da. Hinter uns liegen 26,5km im Regen und ich bin überglücklich als Balazs und Daniel, zwei Ungarn die wir bereits im letzten Abschnitt kennengelernt haben, das Fenster öffnen und uns zurufen der Kamin würde bereits brennen. Etwas Besseres können wir uns gerade gar nicht vorstellen.

Ich kann meine Stiefel gar nicht schnell genug loswerden so schnell möchte ich nach drinnen. Dort empfängt mich mollige Wärme während unsere ungarischen Freunde bereits dabei sind ihre Essensvorräte zu vernichten. Der Tisch ist überfüllt mit leckerstem Hikingfood, von gefriergetrockneten Thai-Curry bis zum Instant Schokomousse ist alles dabei. Balazs, der den TA in seiner vollen Länge läuft, sieht meinen Blick und meint trocken: „Honestly I have been eating shit for the last four months…“ ,während er als Nachtisch 300g ungarische Salami verschlingt. Noch bevor ich irgendwas dazu sagen kann bekomme ich eine Packung „Quick Oats“ mit braunem Zucker geschenkt die ich sofort aufkochen lasse. Heute ist einfach der perfekte Tag. Mich stört nicht einmal die Tatsache, dass mein kompletter Rucksack tropft wie ziemlich genau, durch eine Pfütze neben dem Kamin, zu erkennen ist. So dauert es nicht lange, bis eine beachtliche Menge am Kleidungsstücken und sonstiges Zubehör unsere Hütte schmückt. Heilfroh sind wir beide aber darüber, dass wenigstens die Drysäcke ihre Aufgabe verstanden haben, sodass trotz alle dem die wichtigsten Dinge trocken geblieben sind. So ganz sicher waren wir uns der Sache nämlich nicht mehr, als wir vor ein paar Tagen gelesen haben, man solle sie doch bitte nicht ins Wasser tauchen? Wtf? 😄 Balazs hingegen hat damit nicht so viel Glück gehabt und so ist er fleißig dabei, die zusammengeklebten Seiten seines tropfenden Passports zu separieren und seinen Schlafsack über dem Kamin zu trocknen, was er, glücklicher Weise, mit viel Humor

genommen hat.

Ich wache auf und das erste was mir auffällt ist folgendes: der gesamte Schlafraum riecht, in dem Fall stinkt er eher, nach Salami. Mm von wem das wohl kommt…

Aufstehen will ich trotzdem nicht, draußen geht nämlich gerade die Welt unter. Die ganze Nacht über hat der Regen so laut auf das Hüttendach geprasselt, dass ich kaum ein Auge zu bekommen habe, und Micha ging es genauso. Jetzt sieht es leider nicht besser aus. Oh nein, wenn gestern meine Jacke schon durchnässt war, kann ich dann heute vielleicht drin schwimmen? Ich möchte es gar nicht so genau wissen. Wir überlegen kurz ob es eine Option ist hier zu bleiben aber die Vorstellung den Tag hier alleine in der Hütte zu verbringen während alle anderen lieb gewonnenen TA Hiker weiterlaufen gefällt uns auch nicht so recht. So eine Hütte ist dann nämlich auch nicht so der unterhaltsamste Ort… Also packen wir den Inhalt unserer Rucksäcke in zahlreiche Plastiktüten, schlüpfen in unsere nasskalten Wanderschuhe und lassen die Hope Kiwi Lodge hinter uns. Goodbye liebe Hütte… Ich trauere ihr schon nach wenigen Schritten im Regen hinterher.

Dann reißt mich der kuriose Anblick von Balazs und Daniel, die eigentlich eine halbe Stunde vor uns gestartet sind, aus meinen Gedanken… Aus der Ferne sieht man, wie Daniel etwas ungläubig vor etwas uns nicht erkennbarem steht, während Balazs in echter ungarischer Manier vor sich hin flucht, deutlich für jeden im näheren Umkreis zu hören an der gehäuften Verwendung des Wortes „Bosmeg“ oder „Kurva“ (übrigens die einzigen Worte, die mir eine Austauschschülerin aus Ungarn während ihres Aufenthalts beibringen konnte 😄). Als wir nahe genug am Ort des Dramas ankommen, bietet sich uns ein beeindruckender Anblick, der mich sofort an die gestrige Diskussion über die interessanten Eigenarten neuseeländischer Fließgewässer erinnert: ein Graben in der vor uns liegenden Weidefläche hat sich wortwörtlich über Nacht in einen Fluss beträchtlicher Größe verwandelt. Wo kommt denn bitte das ganze Wasser her, ja okay, es hat zwei Tage in Folge geregnet, aber dann gleich das? Aus schön aufgeräumten Natur in Deutschland bin ich nun mal gewohnt, dass man sich vor etwas Regen nicht fürchten muss, aber ich werde hier wohl eines Besseren belehrt.

Mit unseren Wanderstöcken tasten wir den Boden des Flusses nach Steinen ab und waten langsam auf die andere Seite der braunen Brühe. Oh man was soll das? Wir nehmen doch schon viel hin… Starkregen? Ok. Ein See in den Schuhen? Ok. Regenjacke undicht? Ok. Aber dezent riechende braune Brühe bis zu den Knien???

Ändern können wir die Tatsache dann aber eh nicht also geht es weiter, durch überflutete Weideflächen und, was soll ich sagen, die nächste knietiefe braune Brühe hat nicht lange auf sich warten lassen. Inzwischen macht es aber auch eh keinen Unterschied mehr, wir sind von oben genauso durchtränkt wie von unten, mir ist es vollkommen egal ob ich nun durch einen Fluss wate oder nicht. Er einzige spürbare Unterschied ist, dass das schön angewärmte Wasser in meinen Schuhen durch hereinströmendes kaltes Flusswasser aufgemischt wird.

Ein Fluss ist auch schon wenige Minuten nach dem Start kein Grund mehr langsamer zu werden oder stehen zu bleiben. Wieso auch? Es steht so oder so einfach ALLES unter Wasser.

Und so waten wir durch den Regen, die Landschaft wechselt weiter zwischen offenem „cattle country“ und Wald aber eigentlich ist es ziemlich egal wie alles um uns herum aussieht, ich denke nur noch an die warme Hütte. Wir laufen und laufen und laufen. Wir machen nicht einmal eine Stehpause obwohl unsere Füße sich diese auf jeden Fall verdient hätten. Erstens, weil wir einfach ankommen wollen, zweitens, und das ist viel wichtiger, weil wir so komplett durchnässt sind, dass wir einfach nicht auskühlen möchten. Wir haben uns nichtmal dazu durchringen können Fotos von dieser Art Weltuntergang zu machen, hinter mir hätte ein Snickers auftauchen können, ich hätte mich nicht dafür interessiert. Und ganz ehrlich, das muss etwas heißen! Während ich also mit meinen Gedanken weiter bei dem ein oder anderen Schokoriegel bin und sich unser Weg in einen Bach verwandelt laufen wir am Lake Sunmer vorbei (soll schön sein hab ich mir sagen lassen) und überqueren den Hurunui River, zum Glück aber mit Hilfe einer Swingbridge. Der sonst querbare Fluss hat nämlich inzwischen die „9 feet“ Markierung überschritten, dass sind 2,7 Meter. Naja, zumindest Balazs wäre ohne Brücke hier weg gekommen, er meinte dazu nur: „Man, I want to get out of this shit honestly I would even swim if nessecary…“, und wir glauben es ihm alle aufs Wort. Dann ist die Hütte nur noch dreißig Minuten entfernt und etwas ausgekühlt von der Wartezeit an der Hängebrücke („just one person at a time“) fange ich an zu joggen. Zum Aufwärmen ist das zwar eine ganz gute Taktik, aber das wars dann auch schon. Schon ein paar Minuten später stehe ich schaufend, der Rucksack ist einfach zu schwer, vor dem nächsten reißenden Bach und warte auf Michas Hilfe. Der lässt sich natürlich nichts ahnend viel Zeit und schon ist mir wieder kalt. Naja, zumindest für diese wenigen Minuten war es kuschelig, wohl eher klitschig, und warm. Die letzten Minuten ziehen sich ein ewige Länge und die Hütte taucht einfach nicht auf, inzwischen bin ich schon am zweifeln ob sie überhaupt noch kommt. Oder vielleicht sind wir ja auch irgendwie vorbeigelaufen? Dann endlich taucht sie zwischen den Bäumen auf, ich sprinte vor, lege wahrscheinlich eine Rekordzeit beim „Nasse Kleidung ausziehen“ hin und stolpere in die Hütte. Im Kamin brennt bereits ein Feuer, es ist warm und wir beide sind wieder glücklich.

Wieder wird der ganze Raum mit nasser Kleidung bunt geschmückt (der ein oder andere Schlafsack gesellt sich auch zwischen die Regenjacken an den Ofen) und schon kurz darauf sind die Fensterscheiben der Hurunui Hut beschlagen und unsere Sachen werden warm und trocken. Dann bereitet jeder sein kleines Festmahl zu, wir genießen Cracker mit Peanutbutter (danke nochmal für das liebe Geschenk!) und dann entbrennt in unserer inzwischen gut bekannten Gruppe ein Kulturaustausch vom feinsten. Genie aus Südkorea, Gema aus Hongkong, die beiden Ungarn und das Paar, der „Fisherman“ (Trailname) aus der Schweiz mit seiner koranischen Freundin diskutieren über die interessanten Eigenarten von Chinesen, darüber weshalb jede Koreanerin einen Selbstauslöser für die iPhone Kamera hat und wieso man Hongkong besser nicht besuchen sollte. Einige Erkenntnisse später liege ich auf meiner Matratze im Halbschlaf und höre den nicht endenden Gesprächen mit halben Ohr weiter zu bis ich einschlafe.

Das erste Tat nach dem Aufwachen ist der Kontrollblick nach draußen. Und siehe da, es regnet kaum noch! Wenn das Wetter so bleibt, ist das die perfekte Gelegenheit um heute über den Harper Pass zu gehen. Das Frühstück fällt deshalb aus, wir packen alles wieder wasserdicht (naja, zumindest so gut wie es eben möglich ist) zusammen und machen uns auf den Weg.

Was ich momentan am Wandern am meisten mag? Den anderen dabei zuschauen wie sie am Morgen ihre kalten und nassen Socken und Schuhe anziehen. Mein persönliches Highlight wirklich. Für mich gibt es nämlich selbst nichts schlimmeres als müde und verschlafen in eiskalte Socken zu schlüpfen aber es fühlt sich einfach so viel besser an sobald man sieht, dass die anderen es ja auch irgendwie überlebt haben. Und so investieren wir abends am Kamin viel Zeit um unsere Socken perfekt aufzuhängen und zu wenden, und wenn es nur für diese fünf Minuten ist, bevor das Wasser von allen Seiten wieder in die Schuhe läuft. 😄

Diese Nacht sind sie nur leider nicht getrocknet, es war einfach zu kalt. Mit kalten, nassen Füßen laufen wir also los. Auf dem Weg zur nächsten Hütte, der Hurunui Hut No. 3, liegt laut Trailnotes ein Hot Pool, eine heiße Thermalquelle. In solchen haben wir letztes Jahr des öfteren mal einen kühlen Abend verbracht, kann ich ohne Eingeständnisse weiterempfehlen. Diesmal bin ich mir aber noch nicht so sicher ob ich wirklich baden gehen möchte, meine Sachen sind eh schon alle feuchtnass, und da meine absolute Priorität momentan auf dem Trockenbleiben liegt, habe ich nicht so viel Lust auf das Experiment „trotz Regen die Klamotten nicht nass werden lassen“. Micha geht es genauso und so statten wir dem Hot Pool einen kurzen Besuch ab, und laufen dann weiter zur Hütte. Was ist eine heiße Quelle schon gegen eine warme Hütte bei Regen? Wir kochen uns ein verspätetes Frühstück, Porridge natürlich, und beschließen da es erst Mittag ist heute tatsächlich noch über den Pass zu gehen. Schon sind wir wieder unterwegs und ich hoffe inständig, dies möge die richtige Entscheidung gewesen sein, die nächste Hütte liegt nämlich noch 15km, sechs Stunden und eine Passüberquerung von uns entfernt. Eine kleine Ewigkeit wenn es wieder anfangen sollte zu schütten. Bis jetzt ist aber alles gut, wir passieren das erste Bivvy und weitere zwei Stunden später erreichen wir das Harper Pass Bivvy kurz bevor es das letzte Stück steil bergauf geht. In der gerade mal vier qm großen Hütte legen wir eine letzte Pause ein bevor wir über den Pass und bis zur Zielhütte durchlaufen wollen. Inzwischen nieselt es nämlich doch wieder. Zur Abwechslung mal, versteht sich. Kurz darauf überqueren wir das letzte Mal den normalerweise kleinen Bach durch den wir die letze dreiviertel Stunde bereits ein duzend mal gewatet sind und schlängeln uns bis zum Pass hinauf. Ein Glück nur, dass dieser nicht mit dem Waiau Pass zu vergleichen ist. Die Kletteraktionen bleiben uns erspart und eine halbe Stunde später haben wir es auf die Westseite der Alpen geschafft. Goodbye sunny east, hello rough and rainy Westcoast, schießt mir durch den Kopf, aber momentan scheint das ja eh keinen Unterschied zu machen.

Ab jetzt geht es steil bergab, meist über steinige Hänge, manchmal durch urwaldartigen Wald. Es ist unmöglich irgendwo eine Art Weg zu erkennen und so kämpfen wir uns durch den Jungle, schlittern die Schutthänge hinab, und danken den Wanderern vor uns, die hier und da ein Steintürmchen hinterlassen haben. Der Regen hat alles so glitschig gemacht, dass wir beide mehrmals auf unseren Rucksäcken landen, ich möchte nicht wissen wie blau mein Po ohne ihn wäre, und Micha eine Bruchlandung, wortwörtlich, auf einem seiner Wanderstöcke hinlegt, der war danach nämlich zweigeteilt. 😄 Beeindruckt hat uns das nach den letzten Tagen aber auch nicht mehr und so werden die zwei Teile mit einem hilflosen Achselzucken schnell am Rucksack fest gemacht und schon geht es weiter. Wenige Kilometer, aber viele „so weit kann es doch gar nicht mehr sein – Ausraster“ später sind wir da und treffen auf eine verlassen aussehende Hütte.

Drinne entdecke ich dann doch noch auf Leben, Genie liegt bereits in ihrem Schlafsack und schläft. Auch ansonsten ist die alte Hütte für einige Überraschungen gut, statt eines Kamins gibt es hier nur eine offene Feuerstelle mit einem Lüftungsschacht, und die Betten stapeln sich dreietagig bis unter das Dach.

Trockenes Feuerholz ist leider auch aus, und der Versuch unsererseits ein Feuer in Gang zu bringen scheitert kläglich. Wir fühlen uns hier etwas einsam in der riesigen, aber dunklen und kalten Hütte ohne die anderen Te Araroa Wanderer und hoffen, dass sie doch noch kommen würden. Viel Hoffnung dafür gibt es aber nicht, sie würden bis zum Sonnenuntergang laufen müssen… Aus Langeweile und mangelnder Gesellschaft fange ich an zu kochen, und als wir gerade Nudeln mit leckerer Käse-Peanutbutter-Soße genießen höre ich die Stimmen der anderen. Wenige Minuten später sitzen wir alle zusammen am Feuer, ja jemand hatte tatsächlich Grillanzünder dabei, und kommen aus dem Lachen gar nicht mehr heraus als die Ungarn ihre Trailgeschichten auspacken (wahrscheinlich gibt es keinen einzigen Ausrüstungsgegenstand den sie nicht mindestens einmal verloren haben…).

Am nächsten Morgen sind wir die Letzten die die Locke Stream Hut verlassen. Gestern Abend haben wir lange überlegt was wir machen sollen,denn die Minga-Deception Route wird nach der langen Regenperiode nicht machbar sein, der Weg folgt über 25km einen Flussbett. Die Alternative dazu ist es, den Trail heute zu verlassen und nach Arthurs Pass zu hitchhiken, dann verpassen wir aber diesen Abschnitt des Te Araroas. Noch dazu weil uns bei dem gleichen Vorhaben das Wetter letztes Jahr auch schon einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Ich erinnere mich da an eine eisige Nacht bei Minusgraden die wir zusammengerollt in unserem Auto verbracht haben, und das im Hochsommer!

Letztendlich haben wir uns vorgenommen die Entscheidung von Wetter des heutigen Tages abhängig zu machen und da es nun schon wieder nieselt brauchen wir darüber auch gar nicht weiter reden. Es steht fest, heute geht es für uns nach Arthurs Pass. Wir freuen uns riesig der süße Ort, der aus vielleicht gerademal 20 Häuser besteht ist zuckersüß und lässt uns noch dazu in Erinnerungen aus dem letzten Jahr schwelgen. Das einzige Problem bei der ganzen Sache: dort müssen wir erstmal ankommen. Bis jetzt, das habe ich gerade schön verdrängt, befinden wir uns nämlich mitten im Wald. Bei Regen. Umgeben von Flüssen mit hohem Wasserstand. 20km entfernt von der nächsten Straße. Na dann mal los …

Die Trailnotes sehen das ganze etwas optimistischer und beschreiben den Weg als einfach und flach, sodass Micha und ich uns reichlich Zeit gelassen haben bis wir nun endlich die Hüttentür hinter uns zuziehen. Motiviert laufen wir los und ehe wir uns versehen hat die Realität alle Hoffnungen die die Trailnotes gesäht haben weggepustet. Der Weg ist kaum erkennbar. Er ist weder ausreichend markiert, er existiert nicht einmal mehr. Der Regen der letzten Tage hat riesige Stücke Wald und Wiese einfach davongespühlt, sodass der Weg des Öfteren einfach im Nichts endet. Ich bin genervt, habe schlechte Laune und will einfach laufen, meinen Kopf abschalten und habe absolut keine Lust hier weiterhin den Pfadfinder zu spielen. Michas Gefluche zufolge geht es ihm ganz ähnlich. Aber wenn einen das Glück schon verlassen hat, dann auch richtig. Michas letzter Wanderstock kollabiert als er über ein paar Steine balanciert, bricht wie der andere auch genau in der Mitte und Micha stürzt. Zum Glück ist außer einem schmerzendem Ellenbogen nichts passiert…

Dann sehen wir plötzlich die Anderen als bunte Farbpunkte vor uns durch das Gebüsch leuchten und ich wundere mich wieso wir sie plötzlich eingeholt haben, schnell sind wir heute nun wirklich nicht. Als wir näher kommen erkennen wir woran es liegt: die kleinen bunten Punkte sind gerade dabei einen Fluss zu durchwaten.

Als wir dort ankommen sind sie längst auf der anderen Seite und versuchen uns mit wildem Armgewedel irgendetwas zu vermitteln. Der Fluss scheint hier wirklich unmöglich zu überqueren aber dem Armgewedel zu Folge sollen wir etwas flussaufwärts laufen und dann durch den Urwald zum Weg zurückkommen. Weiter oben sieht es auch tatsächlich etwas besser aus, obwohl der Begriff „besser“ mich gerade ziemlich zum schmunzeln bringt. Der Fluss ist tief, breit und vor allem ziemlich schnell. Alleine zu Furten ist hier nicht möglich. Zeit die „Kettentechnik“ kennenzulernen. Wir rücken näher zusammen, jeder bekommt einen Stock in die äußere Hand, und die Innere greift zwischen Rucksack und Rücken des Anderen hindurch und umfasst den äußeren Trageriemen.

Na dann mal los. Schon die ersten Schritte stellen sich als echte Schwierigkeit heraus. Nicht, dass die Strömung hier am Rand schon besonders stark wäre, das kommt erst noch, nein wir haben ein paar Koordinationsprobleme. Gleichzeitig die Stöcke versetzen, dann erst die Füße… Nach einigen Anläufen klappt es und wir kommen sicher am anderen Ufer an. Das hätten wir dann also geschafft, eine kleine Erleichterung. Das Problem ist nur, dass wir nun auf einer kleinen Sandbank stehen, auf der einen Seite ist der Fluss auf der anderen ein steiler Hang. Mm auch nicht so die beste Ausgangssituation… die sich dann aber doch als kein Problem herausstellt. Wir finden eine Stelle zum hinaufklettern und stehen mitten im Jungle, so sieht es zumindest aus. Moosbedeckte Bäume, matschiger Boden, Farne, Dornen, Wasserfälle, metertiefe Löcher im Boden. Wir kommen kaum voran, und den Fluss sieht man schon zwei Meter von ihm entfernt nicht mehr. So wissen wir doch gar nicht wann wir wieder auf unseren Weg stoßen. Ich schlängele mich Richtung Fluss und laufe an der Abbruchkante entlang. Es ist nicht mehr weit, dann können wir endlich raus aus diesem Gestrüpp. Ich kann es gar nicht erwarten. Dann rutscht der Boden unter mir weg, und einen Augenblick später befinde ich mich anderthalb Meter tiefer auf meinem Rucksack liegend im Schotter neben dem Fluss. Was war das denn bitte? Micha guckt geschockt und steht schon neben mir um zu fragen ob alles okay ist. Ist es. Gut das mein Rucksack seine Aufgabe als Polster sehr ernst nimmt. Jetzt bin ich aber auch wirklich endgültig bedient von diesem Urwald um uns herum und so stehen wir kurze Zeit später wieder dort wo unser Weg sein sollte. Schade das man von diesem nur nichts sieht. Stattdessen liegen überall frisch entwurzelte Bäume zwischen riesigen Felsbrocken, der Fluss scheint hier in den letzten Tagen vollste Arbeit geleistet zu haben. Naja zumindest bekommt so unser GPS Gerät seine Daseinsberechtigung mit dessen Hilfe wir uns durch das ein oder andere Ginstergestrüpp quetschen. Die Frage ist nämlich nicht mehr wo der Weg langgeht, das zeigt uns das GPS gerät inzwischen ganz treudoof, sondern was macht man wenn da wo einst ein Weg war nun ein Fluss ist? Wir überlegen kurz: Ginster oder Fluss, Ginster oder Fluss? Und entscheiden uns für den Ginster. Wahrscheinlich nicht die beste Idee, merken wir als die zentimeterlangen Stacheln uns durch die Regenklamotten hindurch pieksen, und ich darüber nachdenke ob ich jetzt, Dank des Ginsters, tausend kleine Löcher in meiner Regenkleidung habe. Nicht das es noch einen großen Unterschied machen würde, aber schade wäre es trotzdem.

Letztendlich überleben wir auch das und legen zur Verbesserung unserer etwas angeschlagenen Laune eine kurze Schokoladenriegel-Pause ein. Und auch der Weg meint es nun etwas besser mit uns…

Dann stehen wir vor dem Schild das uns eine wichtige Entscheidung abringt. Entweder wir wählen den „flood track“ zur nächsten Brücke über den letzten Fluss, was für uns aber 5km Umweg bedeuten würde, oder wir überqueren den Fluss und sind in einer halben Stunde am Highway. Wir legen eine kurze Denkpause am Schild ein, und entscheiden uns dann für den Umweg. Das Risiko ist uns einfach zu groß, und weggespült wurden wir heute schon oft genug. Da hat die Vernunft also gesiegt, glücklich macht sie und damit aber definitiv nicht… Wir klettern schon wieder durch den Wald, ein Weg ist hier auch schon lange nicht mehr zu erkennen. Der ein oder andere moosüberwachsene Marker lässt uns zwar immer wieder gutes Hoffen, aber stattdessen stecken wir immer tiefer im Matsch je weiter wir laufen. Noch dazu geht es weiter bergauf und bergab, wieso laufen wir nicht einfach da unten am Rand des Waldes entlang? Oben angekommen sehen wir aber eine Gruppe von Wanderern aus der anderen Richtung durch den Fluss waten, zugegeben leicht sieht es nicht aus, aber zumindest steht jetzt fest, das es machbar ist. Micha und ich gucken uns nur kurz an und machen auf der Stelle kehrt, diesen Wald hier wollen wir nur noch hinter uns lassen. Überglücklich laufen wir den letzten Kilometer ohne meckern zurück bis zum Fluss. Vom anderen Ufer grüßt uns ein älterer Herr, der gerade den Zaun seines Grundstückes abspatziert. „Guck mal, da drüben ist die Zivilisation!“, freue ich mich. Die „Kettentechnik“ haben wir ja zum Glück heute schon das ein oder andere Mal geübt, und so legen wir gleich wieder los. Die Störung ist so stark, das meine Beine irgendwohin flussabwärts geschoben werden und ich Mühe habe alle meine Körperteile bei mir zu halten. Micha geht es noch schlimmer, er ist, als der Stärkere von uns beiden flussaufwärts von mir. Konzentration ist gefragt, und ich gebe mir die grösste Mühe die Sandflies zu ignorieren, die ihre Chance nutzen solange wir uns nicht wehren können. Die Stöcke versetzen, dann die Füße, stehen wir sicher? Dann wieder die Stöcke. Es dauert eine kleine Ewigkeit. Wir strahlen vor Freude, als wir endlich die andere Uferseite betreten. Die Vorstellung jetzt noch im Wald durch irgendwelches Gebüsch zu krabbeln ist inzwischen kilometerweit entfernt. Glücklich schlendern wir über eine Schafsweide, ziehen uns am Parkplatz einmal komplett um (den Gestank kann man ja keinem antun) und nach ein paar Stücken Schokolade sind wir bereit zum Hitchhiken. Weit kommen wir allerdings nicht, denn plötzlich steht Balazs hinter uns. Dann kommt die nächste gute Nachricht des Tages: Bill, der Besitzer des BBH Hostels wird in wenigen Minuten hier sein um uns abzuholen. Was kann einem nach einem Tag wie diesem denn bitte noch glücklicher machen als so eine Nachricht? Weil ich einen Freundentanz dann trotzdem aber als nicht so angebracht empfinde, packe ich lieber schnell meine Snacktüte aus, die noch eine ganze Tafel Schokolade und eine halbvolle Packung Gummibärchen enthält, welche Gema mir gestern als Proviant für die Minga-Deception Route geschenkt hat (es sind Haribo Goldbären, wo auch immer sie die herbekommen hat, eine größere Freude hätte man mir nicht machen können). Und so sitzen wir am Rand des Highways im Gras, jeder erzählt seine persönliche Leidensgeschichte des Tages, und lachen darüber bis Bill mit seinem Auto neben uns anhält. Ein sehr spezieller Tag, den wir bei plötzlich genialem Wetter auf Bills Campingplatz ausklingen lassen.


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