Te Araroa Diaries Teil 8

Von Arthur’s Pass nach Methven.

Unser „wanderfreier“ Tag!

Ich wache auf und frage mich als erstes wie Micha und ich diesen Tag am Besten verbringen werden. Mir schwirren tausend Ideen durch den Kopf. Endlich im gegenüber liegenden General Store ein paar Sachen einkaufen, unsere „Foodparcels“ abholen, den Avalance Peak besteigen oder im nahegelegenen Café einen Blogartikel verfassen. Oh je für die Umsetzung all dieser Ideen könnten wir eine Woche hier in Arthurs Pass bleiben, dabei wollen wir morgen doch schon weiter. Eine Erkenntnis zu der ich besser nicht gekommen wäre, jetzt werde ich mit Sicherheit kein Auge mehr zu bekommen. An sich soweit kein Problem, müde bin ich trotz des Weltuntergangregens heute Nacht jetzt nicht mehr. Nur, wie bekomme ich am besten Micha aus dem Bett? Ich gehe ein paar Taktiken im Kopf durch. „Hey Micha, guck mal wie schön das Wetter plötzlich wieder ist. Soll ich dir einen Kaffee machen?“

Als Antwort bekomme ich nur ein genervtes Brummen. Vielleicht habe ich die falsche Taktik gewählt.

„Wir können mal rüber in den General Store gehen und gucken was wir frühstücken könnten.“

Micha steckt den Kopf aus dem Zelt. Schon besser. Wenige Minuten später sitzen wir in dem Café gegenüber des Hostels am Fenster und genießen einen Pie, während außer uns nur ein paar Kiwis auf dem Weg zur Arbeit zu sehen sind. Wie angenehm es hier doch sein kann, wenn der Ort noch nicht von deutschen oder chinesischen Tagestouristen überrannt wird.

Als das Thema „Frühstück“ dann auf unserer Liste (Titel: „Der perfekte freie Tag“) abgehakt ist, machen wir uns auf den Weg zum DOC Büro um unsere Essenspakete abzuholen. Soweit zumindest der Plan, wir sind nämlich etwas zu früh dran. Es öffnet erst um neun, und wir sind kurz geschockt, dass es noch so früh ist. Als wir unsere Foodparcels kurze Zeit darauf dann doch in der Hand halten, sind wir ein zweites mal geschockt. Für wie viele Tage, soll das denn bitte reichen?

Nagut, man muss ja dazu sagen, dass wir Essen für drei Personen kalkuliert haben. Aber allein die Menge an Uncle Bens Rice, die hier vor uns liegt, würde uns schon über die nächste Etappe bringen. Und nicht nur das, Unmengen an Porridgezutaten türmen sich vor uns auf, Haferflocken, Chias, Buckweat, Leinsamen … und dabei haben wir sogar noch etwas von den letzten  Tagen über. Dabei möchten wir das Wort „Porridge“ nicht einmal mehr hören. Wir sortieren ein bisschen hin und her, legen Lebensmittel beiseite und dann wieder dazu und sind ratlos. Wir sitzen vor einem Haufen Essen und kaum etwas davon möchten wir wirklich gerne mitnehmen. Das verwundert uns nicht, wer mag schon jeden Tag Couscous mit Hühnerbrühe essen, hierlassen wollen wir dann aber auch nichts. Immerhin haben uns auch die ollen Haferflocken Geld gekostet.

Genie, Elena und Livio sind währenddessen schon ins Hostel umgezogen, welches ab heute wieder freie Betten hat. Ein bisschen traurig bin ich schon, heute ohne die Anderen zu zelten. Aus Frust esse ich einen der unzähligen Müsliriegel und bekomme gar nicht mit, dass Micha derweil mit irgendwem telefoniert.

„Habe uns zwei Betten im YHA Mountain House reserviert“, meint er kurz darauf ganz beiläufig. Meine Augen werden groß, dann größer und dann bin ich bereits dabei all unsere, auf der gesammten Wiese verteilten Kleinigkeiten zusammenzupacken. Ich hätte ja kaum gedacht, dass der Tag noch schöner werden kann. Ist er jetzt aber auf jeden Fall. Das Beste an einem Hostel, verglichen mit einer Campingwiese mit Klo, ist nämlich die Küche! Direkt fallen mir tausend Dinge ein die ich gerne kochen möchte, eine „Uncle Bens Reste Pfanne“, einen Kaffee für Micha, aber vor allem werden wir mit etwas Glück ein wenig Öl und Zucker in der  „leftovers box“ finden um uns aus unseren Porridgezutaten ein leckeres Knuspermüsli zu zaubern.

Micha ist von meinem plötzlichem Motivationsschub überrumpelt, inzwischen habe ich nämlich schon das Zelt ausgeräumt und abgebaut. Zehn Minuten später stehen wir mit den Rucksäcken, den Pappkartons voller Essen sowie Michas zerbrochenem Paar Wanderstöcke im Hostel und bekommen gesagt, dass der Check-in erst ab 14 Uhr möglich ist. Na dann hat sich mein enthusiastischer Motivationsschub doch gelohnt. Wenn wir uns nicht drinnen ausbreiten können, dann halt draußen. Wir bedecken die kleine Wiese vor dem Hostel ziemlich schnell mit Ziplock Tüten und Snackvorräten, während wir unsere Taschen für den nächsten Tag vorbereiten.

Nur was tun, wenn danach immer noch Zeit ist, wir Hunger bekommen aber die Küche nicht nutzen können? Wir werden dem Café noch einen Besuch abstatten.

Dort angekommen hüpft zwischen den Scharen an Besuchern der ein oder andere Kea herum, einer stiehlt einem kleinen chinesischen Jungen sogar den unangegebissenen Pie vom Teller. Wir müssen uns zusammenreißen nicht zu lachen, aber wechseln unseren Platz spontan doch nach innen, wo wir einen superleckeren Burger genießen und uns ein bisschen mit den anderen Te Araroa Wanderern die Zeit vertreiben.

Dann ist es soweit und während Micha dabei ist, unser Zimmer zu inspizieren bin ich für die nächsten Stunden in der Küche verschwunden. Herausgekommen ist letztendlich das hier:

7 Uhr. Alle anderen schlafen noch. Blauer Himmel. Knuspermüsli mit Milch. Der perfekte Morgen!

Wir packen unsere Rucksäcke, füllen die „freefoodbox“ des Hostels bis zum Rand mit unseren übergebliebenen Lebensmitteln und wollen uns auf den Weg zur Straße machen. Der Plan: Hitchhiken, hin zum Trail, 15km der Straße entlang Richtung Ostküste.

Wir verabschieden uns von Genie, die uns noch zwei koreanische Schokopies schenkt und sind etwas traurig, dass wir sie wahrscheinlich nicht noch einmal treffen werden.

Die Straße ist leergefegt, keiner außer uns ist weit und breit zu sehen. Naja, ich mache es mir einfach schon mal auf dem Bürgersteig bequem und genieße dieses leckere, mit nichts europäischem vergleichbarem Schokodings von Genie. Das kann dann wohl dauern.

Später sehen wir doch einen Jeep nach Arthurs Pass hineinrollen, und was soll ich sagen, kurz darauf sind unsere Rucksäcke auf der Ladefläche verstaut und wir sind auf dem Weg zu unserem Ziel. Unser Glück können wir trotzdem noch nicht fassen, das erste Auto hat angehalten! Wen hitchhiken immer so einfach wäre … nagut, beschweren dürfen wir uns nun trotzdem nicht…

Kurz darauf stehen wir schon wieder am Trail.

Die Landschaft ist unbeschreiblich schön, wir kommen kaum vorwärts, was nicht zuletzt daran liegt, dass wir alle paar Schritte eine Fotopause einlegen. Endlich wieder wandern mit Aussicht, oh wie wir das vermisst haben. Diese Gelegenheit ungenutzt zu lassen kommt jedenfalls nicht in Erwägung😄.  Voll im Fotomodus bekommen wir nicht einmal mit, dass wir bereits mehrere hundert Höhenmeter gewonnen haben, und während ich an den ein oder anderen mühsamen Aufstieg denke wünsche ich mir, dass es ruhig öfter so sein könnte wie jetzt gerade.

Wir wandern an mehreren schönen Hütten und Sheltern vorbei, legen unzählige Snackpausen ein und können uns gar nicht so schnell eincremen wie die Sonne unsere Haut verbrennt.

Dann sehen wir die Hamilton Hut, die wohl beliebteste Hütte im Arthurs Pass National Park. Tatsächlich ist sie einfach wunderschön, und bis auf eine, gerade schlafende, Person ist noch niemand da. Umso besser. Wir packen unseren Käse und die Cracker aus, Micha macht sich einen Kaffee und der Tag ist einfach perfekt. Nur der Versuch aus Sarahs „unbehandeltem Bio Kakaopulver“ etwas Trinkbares zu zaubern scheitert kläglich, was selbst ein Teelöffel Zucker nicht mehr retten kann.

Die nächste Überraschung lässt aber nicht lange auf sich warten, was den missglückten „ich mache mir eine heiße Schokolade“ Versuch ziemlich schnell vergessen lässt. Im Hüttenbuch lesen wir, dass die liebe Kiwi Familie, die wir bereits mehrmals am Anfang unserer Wanderung getroffen haben, nur einen Tag vor uns ist. Oh wir würden sie so gerne noch einmal treffen. Den Abend über gibt es kaum noch ein anderes Thema, wir schmieden Pläne wie wir einen Tag gut machen könnten, verwerfen sie wieder, und ergeben und letztendlich der Tatsache dass es für uns nicht möglich ist, einen kompletten Tag aufzuholen. Die Hütte füllt sich derweil dann doch noch, ein tschechisches Paar auf Weltreise, die gerade aus Kirgistan und Nepal kommen (was für eine geniale Länderwahl!), ein paar Te Araroa Wanderer und drei Kiwis, die den TA aus dem Süden kommend laufen trudeln nach und nach ein. Der Abend rauscht zwischen unzähligen Gesprächsthemen nur so vorbei, und am Ende falle ich müde und zu nichts mehr im Stande auf meine Matraze, während die Anderen im Kerzenschein Karten spielen und Micha die Hütte fotoshooted. Nur die Familie geht mir nicht aus dem Kopf, und etwas Sorgen machen wir uns auch. Gerade eben haben mir die drei NOBOs, so nennt man Te Araroa Wanderer die „Northbound“ laufen, erzählt, dass sie die fünfköpfige Kiwifamilie auch getroffen haben, leider aber kurz nachdem sie bei einer der Flussdurchqueerungen komplett einen Waschgang erlitten haben. Ohje, und der Ehering, die Handys und ein paar Wanderstöcke weniger haben sie jetzt auch. Na dann, werden wir uns morgen Mühe geben ihnen es nicht gleich zu tun…

Zweiter Morgen ohne Porridge, dafür mit Milch, ja wir haben tatsächlich Milchpulver dabei, und leckerem Knuspermüsli. Der Tag ist jetzt schon genial.

Uns erwartet ein relativ entspannter Tag, wenn man den Trailnotes glauben darf. Ein 4WD führt uns bis nach Harper Village, wo wir auf einem kleinen kostenlosen Campingplatz übernachten wollen. Ein 4WD (four wheel drive) ist übrigens eine sehr interessante Beschreibung, typisch neuseeländisch, für einen kaum als Weg erkennbaren, zweispurigen Pfad über Stock und Stein, Flussdurchqueerungen und mit Ginster zugewachsene Abschnitte inklusive, angeblich aber (laut Namen) mit einem allradbetriebenem Fahrzeug nutzbar. Alles in allem für uns aber normalerweise ein flacher, einfach zu laufender Pfad. Normalerweise. Nach zehn Minuten und zwei Durchquerungen des Harper Rivers, ist von diesem „fourwheeldrive“ nämlich gar nichts mehr zu sehen, kein Pfad, keine Wegmarkierungen, keine Fußabdrücke. Ich bekomme direkt einen Anfall schlechter Laune, sowas hatte ich in den Tagen vor Arthurs Pass genug, und kann dankend auf weitere Pfadfinderaktionen verzichten. Das GPS Gerät hilft uns weiter, und eine halbe Stunde später, siehe da, sieht unser Weg auch wieder aus wie ein Weg. Herzlichen Dank, lieber Pfad.

Wir laufen und laufen und laufen. 20 km können ganz schön lang sein, vor allem weil wir jetzt schon sehen können, wo wir in einer Stunde sein werden. Den Harper River durchwaten wir unzählige Male, wer hat sich denn bitte hier bei der Wegführung einen Spaß erlaubt? Aber eigentlich ist es eine schöne Abkühlung, trotz das meine Füße aufgrund des Wassers in den Schuhen, heute Abend wieder aussehen werden wie ein schrumpeliger weißer Käse. Geruch inklusive, versteht sich.

Egal, wir laufen und laufen, vorbei an einer Kuh, wohl eher an deren Resten, legen kurz darauf eine Snackpause ein, und quatschen mit Sage, einer kanadischen Wanderin, über die Durchqueerungen des Harper Rivers, die gegen unserer Erwartung für keinen von uns ein Problem dargestellt haben. Ich bin erleichtert, aber Micha und ich wundern uns trotzdem wie die Familie weggespült werden konnte.

Sage bricht wieder auf, aber zehn Minuten später haben wir sie schon fast wieder eingeholt, während sie in Zickzacklinien im Flussbett des Avoca Rivers, hin und her läuft.

Probleme gibt es für uns hier eigentlich nicht zu erwarten, der Fluss ist im Vergleich zum Harper River laut Trailnotes ein kleineres Flüsschen. Nun ja, unnötig zu erwähnen, dass die Realität anders aussieht. Er ist reißend und den Grund kann man aufgrund der Stromschnellen auch nicht sehen.

Trotzdem so schlimm wird es nicht sein, wir denken uns nichts weiter dabei, und haben dazu auch gar keine Gelegenheit. Sage hat schon den passenden Ort zum überqueren rausgesucht und gibt Anweisungen was zu tun ist, während wir beide in Gedanken noch komplett woanders sind.

Die Brustgurte der Rucksäcke werden gelöst (sodass man im Fall eines Sturzes den Rucksack schnell loswerden kann), die überflüssigen Wanderstöcke verstaut, und wir haken uns ein. Micha, als Stärkster flussaufwärts, ich in der Mitte, und dann Sage, die nochmal einen Kopf kleiner ist als ich. Schon sind wir im Fluss, und oh ja die Strömung ist reißend, so sehr, dass mein Fuß, wenn ich einen Schritt nach vorne machen möchte, irgendwo flussabwärts von Sage herumwirbelt, zu weit von dem Platz entfernt, wo ich ihn hinsetzen wollte. Wir stolpern über die Steine auf dem Boden, fangen uns gegenseitig auf, stolpern wieder, diesmal über die „weggespühlten“ Beine jeweils Flussaufwärtsstehenden oder werden, in Michas Fall, von der Kraft des Wassers einfach komplett flussabwärts gedrückt. Sage neben uns brüllt gegen das Rauschen des Flusses Anweisungen und aufmunternde Worte, deren Umsetzung uns angesichts der Tatsache, dass das Wasser uns bis zur Hüfte reicht reichlich schwer fällt. Drüben angekommen sind wir trotzdem, Sage hat ein paar blaue Flecken am Schienbein mehr, die wohl von meinen, unkontrolliert in ihre Richtung gespülten Füßen stammen aber die Rucksäcke sind zur Verwunderung meinerseits sogar trocken geblieben. Von „river crossings“ haben wir für heute trotzdem genug.

Der Weg wird leichter, inzwischen kann man tatsächlich eine Art „Straße“ erkennen, auch wenn nur im neuseeländischem Sinne. 😄

Nur unseren Knien geht es seit der letzten Rivercrossing nicht so gut, und auch sonst bedanken sich meine Füße gerade für diese weitere 20km Etappe (vielleicht sollten wir mal wieder kürzere Strecken laufen😄), in der rechten Fußsohle zieht und brennt es und auch die Achillessehne hat heute nicht ihren besten Tag.

Die letzten Kilometer gehen wir auf einer Schotterstraße Richtung Harper Village, während der Wind, ganz neuseelandtypisch, zum Nachmittag mal wieder zeigt wozu er fähig ist, sodass wir bestimmt aufgrund einiger Schlangenlinien einige Meter mehr laufen als vorgesehen. Unsere Rucksäcke bieten dem Wind einfach zu viel Angriffsfläche. 😄

Ich entschuldige mich in Gedanken jetzt schon einmal bei unserem Zelt, für die Strapazen die es heute, aufgrund dessen aushalten muss und hoffe inständig, die angesagte Unwetterwarnung für heute Nacht möge nur ein schlechter Scherz gewesen sein.

Zumindest die Regenwolken haben unser kleines Gebet erhört. Als wir auf der Campingwiese ankommen, die übrigens aus nichts weiter als einem Plumsklo und steinigem Untergrund besteht, ist die Sonne wieder da und so werden wir den Rest des Nachmittages gegrillt, die Suche nach einem Schattenplatz ist ein hoffnungsloses Unterfangen.  Das ist die optimale Gelegenheit eine kleine Waschsession zu machen. Sogar unsere Schuhe fangen an trockenen! Wir freuen uns, wie lange ist es her, dass wir in trockenen Schuhen laufen konnten?

Nur das Kochen gestaltet sich als kleine Herausforderung, schön für den Kocher nämlich, dass dieser auch bei Wind brennen kann, nur was bringt uns das, wenn das Feuerzeug streikt? Genie, unsere südkoreanische Freundin, hätte jetzt natürlich ohne zu überlegen im Zelt gekocht, aber die Vorstellung finde ich doch etwas gruselig. Letztendlich haben wir uns dazu entscheiden, den Kocher zwar im Zelt anzuzünden, ihn dann aber nach draußen zu tragen. Unterhaltungswert für die anderen hatte es bestimmt, die dafür aber auch nicht wenige interessante Ideen haben (im Klo kochen etc. 😄).

Heute geht es schon wieder zurück in die Zivilisation. Ich freue mich und finde, dass wir uns dies mit den letzten langen Wandertagen auch verdient haben. Bis nach Methven, sind es aber noch gute 60km und nein, das will und werde ich heute nicht alles laufen. Heute erreichen wir die „Rakaia Hazard Zone“, einen Fluss, den man nicht zu Fuß überqueren kann. Eine Tatsache die den Te Araroa Trust, die Trailmacher, aber nicht davon abhalten konnte, die Strecke durch diesen Fluss verlaufen zu lassen, und dann die Te Araroa Wanderer einfach aufzufordern um diesen Fluss herumzuhitchhiken, bis zur nächsten Brücke also und wieder zurück. Ein „kleiner“ Umweg von knapp 70km. Die meisten Wanderer nutzen deshalb, genau wie wir auch, die Gelegenheit um dabei einen kleinen Stopp im nur 10km weiter entfernten Methven einzulegen, Essen zu kaufen und den Luxus eines richtigen Bettes zu genießen. Und genau darauf freuen wir uns auch schon richtig.

Deshalb klingelt unser Wecker heute auch schon 5:50. Und oh nein, wir sind beide soo müde, und unsere Beine bedanken sich gerade liebevoll für die letzten zwei anstrengenden Tage. Trotzdem wollen wir so früh wie möglich los, vor uns liegen lange 28 Kilometer bis zur nächsten asphaltierten Straße, und von dort muss uns auch erstmal jemand mitnehmen.

28 Kilometer! Zu Fuß, entlang einer Straße, eine kleine Unendlichkeit!

Der Umstand, dass fünf weitere Wanderer heute den gleichen Plan haben wie wir, erhöht unsere Chancen mitten im Backcountry eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen nicht unbedingt…

Das Frühstück wird also spontan durch zwei Schokoriegel ersetzt und dann geht es los. Nach zehn Minuten gucke ich das erste Mal auf die Uhr und erschrecke, dass erst 10 Minuten vergangen sind, das heißt wir haben nicht einmal einen kompletten Kilometer hinter uns gebracht.

Nach drei vorbeigefahrenen Autos, fünf weiteren Stunden, zwei Pausen und unzähligen Blicken auf die Uhr sind wir da, auf der lang herbeigesehnten, asphaltierten Straße. Leider ist sie nicht ansatzweise stärker befahren, als die von der wir gerade kommen. Die Vorstellung, dass wir heute noch in Methven ankommen ist inzwischen nicht viel mehr als eine kleine Hoffnung, wenigstens jemanden zu finden, der uns bis zur nächsten Campsite am Rakaia Gorge bringen kann, zu Fuß werde ich dort heute nämlich nicht mehr hinkommen. Meine Achillessehne fühlt sich bei jedem Schritt an, als ob sie gleich reißt, ich hoffe, dass es nur eine Überbelastung und keine Entzündung ist und humpele ein bisschen neben Micha her. Eine Wahl habe ich ja eh nicht. Das meine Laune dementsprechend ihren heutigen Tiefpunkt erreicht hat, brauche ich auch eigentlich nicht erwähnen.

Dann kommt ein uralter Jeep, wir strecken etwas verzweifelt guckend unseren Daumen nach oben, der Jeep hält an, ein Imker sitzt drinnen, noch in voller Montur während tatsächlich noch ein paar Bienen um ihn herumschwirren. Aber er bietet uns an uns bis zur nächsten Kreuzung mitzunehmen, und nachdem unsere Rucksäcke neben einigen leeren Bienenkästen auf der Transportfläche verstaut sind, quetschen wir uns vorne überglücklich zu zweit auf den Beifahrersitz. Der nette Mann, ist unser Held des Tages!

Zwanzig Minuten später schmeißt er uns an der Zigzagroad wieder raus, er muss leider in die andere Richtung. Aber das ist uns fast schon egal, was auch immer heute noch passiert, zumindest ist der Campingplatz nur noch sechs Kilometer entfernt. Und sechs Kilometer sind eine absehbare Strecke. Schade nur, dass die Straße hier nicht mehr asphaltiert ist, das lässt unsere Chancen noch einmal mitgenommen zu werden fast wieder auf Null sinken. Wie auch immer, den Rest laufen wir dann einfach. Laufen, oder schleichen, in meinem Fall.

Womit wir nicht gerechnet haben ist, dass wir nach weiteren DREI Mitfahrgelegenheiten, und nur DREI weiteren gelaufenen Kilometern überglücklich direkt im Stadtzentrum von Methven abgesetzt werden.

Das nächste Auto, welches uns nach zwei gefühlt endlosen Kilometern entlang der Zigzagroad mitnimmt, wird von einem Techniker auf dem Weg zum nächsten Auftrag gefahren. Wir hören lustige Musik und quatschen über unsere Vorhaben.

Im darauffolgenden Fahrzeug sitzt eine Mutti mit ihrer mega coolen Tochter auf dem Weg in den Urlaub und wir wurden gelöchert, ob wir „adventurous stuff“ auch so mögen wie das süße Mädchen, das Stolz von ihrem fallschirmspringenden Cousin erzählt.

Zu guter letzt werden wir von einem Kiwi aus Christchurch und seinem Kumpel bis nach Methven gefahren.

Dieser letzte Hitch ist wohl einer, den Micha und ich nie wieder vergessen werden, und die so oft erwähnten „Kiwi hospitality“ absolut zum Ausdruck bringt. Diese beiden, kommen nämlich eigentlich aus der entgegengesetzten Richtung, aber haben soeben ohne überhaupt zu fragen wohin wir wollen und mitten auf der Landstraße gedreht, ihr komplettes Auto ordnungstechnisch auf den Kopf gestellt um Platz für uns zu schaffen, uns eingeladen und fahren uns nun nach Methven. Sogar direkt ins Stadtzentrum! Sie wollten uns auch noch bis ans Hostel bringen aber wir wissen ja selbst noch nicht einmal wo wir heute Nacht schlafen werden.

Nachdem sie uns hier abgesetzt haben sind sie nun auf dem Weg zurück, Richtung Geraldine, wo sie eigentlich hinmöchten. Ein Umweg von etwa 20 Kilometern!

Wir sind überglücklich und absolut überrumpelt, es ist noch nicht einmal 15:30 und wir sind tatsächlich schon in Methven. Gleichzeitig haben wir ein schlechtes Gewissen, soviel Freundlichkeit gegenüber die wir kaum erwidern können, und traurig, dass man auf soetwas bei uns in Deutschland lange warten würde. Absolutes Gefühlschaos also.

Besser wird es nicht, als wir zwei Minuten später unsere Te Araroa Freunde wiedertreffen, die gerade ein „endlich angekommen Bier“ im Blue Pub trinken, und über ähnliche Erfahrungen berichten. Man hätte sich ja bis eben noch damit herausreden können, dass soviel Gastfreundlichkeit auch unter Kiwis eine Ausnahme wäre, aber selbst das ist ab jetzt definitiv nicht mehr möglich.

Lust auf einen Pub haben wir gerade aber nicht, und so checken wir im YHA Hostel „Snow Denn Lodge“ ein und bekommen als Te Araroa Wanderer sogar einen riesigen Rabatt, sodass wir im Endeffekt nur noch 20NZ Dollar bezahlen müssen (übrigens genauso viel wie ein günstiger Campingplatz kosten würde). Es dauert nicht lange bis die anderen auch eintrudeln, und so sitzen wir bis spät in die Nacht bei einem Wein oder Cidre, oder in Michas und meinem Fall, bei Eiscreme und leckerem Toast in der Küche und quatschen über die letzten Tage.


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