Te Araroa Diaries Teil 10

Über den Breast Hill Track von Twizel nach Wanaka.

Was macht man bei 32 Grad im Schatten am besten? Wandern gehen? Wäre eine Idee? Naja, come on, wenn schon denn schon. Die nächste Campsite ist 32 Kilometer entfernt. Leider 32 schattenlose Kilometer. Entlang einer Schotterstraße. Klingt das nach einem Plan? Finden wir ja nicht. Eine echte Wahl haben wir aber auch nicht. Das Wetter macht nämlich, was es in „Central Otago“ am besten kann, es ist sonnig, heiß und trocken. Eine Tatsache die der Vegetation, wenn man das überhaupt so nennen kann, leider auch anzusehen ist. Wir wandern durch eine Wüste. Das wird bestimmt ein landschaftlich sehr abwechslungsreicher Tag.

Und mein Lieblingstag wird es wohl auch nicht. Mein Rucksack, wieder voll gefüllt mit Essen, ist viel zu schwer, meine Achillessehne brennt und quietscht bei jedem Schritt und meine Knie schmerzen. Noch dazu habe ich in der letzten Nacht nicht gut geschlafen. Fit wie ein Turnschuh springe ich also durch Otago’s „dryland“, naja in meinem Wunschdenken zumindest. Die Realität sieht so aus: Wenn sich jeder Schritt wie eine Qual anfühlt lässt die schlechte Laune nicht lange auf sich warten. „Wieso mache ich den Scheiß hier überhaupt?“, schießt es mir mehrmals durch den Kopf, bevor Micha mir die ersten Tränen wegtupfen muss. Ich bin enttäuscht davon, dass meine Beine nicht das aushalten wollen, was mein Kopf möchte. Entspannt die dreißig Kilometer weiterwandern nämlich, und am Abend auch bitte nicht erschöpft sein!

Wir legen also nach wenigen Minuten die erste Pause ein und überlegen. Aber es macht alles keinen Sinn. Die Achillessehne bracht mehr Ruhe oder eben ein leichteres Gepäck. Aber selbst eine weitere Woche Pause würden nicht reichen um die Achillessehnenentzündung komplett auszukurieren. Micha bietet zwar an Teile meines Gepäcks übernehmen, aber sein Rucksack ist so schon ziemlich schwer. Letztendlich könnten wir auch einfach so weiterlaufen, aber genießen kann ich das Wandern dann nicht.

Ich entscheide einfach, dann eben alles hier lassen, was ich nicht zwingend brauche…

Mein Fleecepullover, die Regenhose, Vitamintabletten, Ersatzbatterien, meine Wechselhose und ein Paar Socken werden aussortiert und von Micha schnell zur Post gebracht. Ich warte derweil am Rand des Weges und überlege wann ich mir das erste Mal den ein oder anderen Gegenstand zurückwünschen werde. Lange dauern wird das bestimmt nicht. Mit mehr als einem Outfit kann ich jetzt jedenfalls nicht mehr dienen. 😄

Wir sind trotzdem erleichtert, eine Lösung gefunden zu haben und mit einem nun viel leichteren Rucksack geht es meinen Beinen auch deutlich  besser.

Dann steht den nächsten 30 km ja nichts mehr im Wege, kurzes Kopfschütteln von Michas Seite aus über diese surreale Situation (wer ist schon so bescheuert und geht bei diesem Wetter wandern?), dann laufen wir los. Gegen die Langeweile hören wir abwechselnd Deutschrap oder englisches Fernwehgejodel schön durchmischt und passend entweder zu diesem unendlich erscheinenden Weg oder unserer dementsprechenden Laune. Das Vorhaben mal wieder ein paar mehr Fotos zu schießen haben wir für heute auch gleich begraben. Tatsächlich gibt es hier nämlich nichts fotowürdiges, und obwohl wahrscheinlich alleine dieses Nichts ein Foto wert wäre, können wir uns einfach nicht die Motivation abgewinnen die Kamera aus der Hülle zu nehmen und anzuschalten. Es ist einfach zu heiß. Deshalb laufen wir und laufen und laufen. Die Kilometer werden trotzdem kaum weniger. Nach der „gravel road“ folgen wir einen Radweg entlang dem Lake Ohau, danach geht es auf der Straße weiter. Unsere Füße sind vom langen Laufen und der Hitze angeschwollen und schmerzen bei jedem Schritt. Aber während wir dabei sind halbherzig den ein oder anderen Song vor uns hin zu murmeln ist uns gar nicht aufgefallen das die schlechte Laune trotz all dem längst verflogen ist.

Dann sind wir da, an unserem heutigem Ziel, der Lake Middleton Campsite. Endlich, schließlich ist es bereits 20 Uhr. Zu viel im Stande fühlen wir uns jedoch nicht mehr, schade, dass das Zelt sich nicht selbstaufbaut. Trotzdem gehen wir noch kurz im See Ohau schwimmen um die Salzkruste aus unseren Gesichtern zu entfernen und während ich halbtot im Zelt liege und den Sonnenuntergang gewundere ist Micha sogar nochmal mit der Kamera unterwegs. Gelohnt hat es sich auf jeden Fall.

Die Sonne scheint, der Himmel ist ausnahmslos blau aber wir liegen im Zelt und wollen uns auch keinen Zentimeter von dort wegbewegen. Der kurze morgendliche Check ergibt: die Waden brennen immer noch, nagut okay das kann man verkraften. Die Füße, oh die leiden wohl noch vom gestrigen Marsch. Der Rücken, mmh naja den gibt es auch noch.

Auch sonst ist noch alles da wo es hingehört. Kein Grund nicht aufzustehen also. Micha guckt mich total verschlafen an und gibt zu verstehen, dass er nicht aufstehen möchte, er fühle sich wie „Grandfather Balazs“.

(Wer mit dieser Umschreibung seines Gefühlszustandes nicht viel anfangen kann, es handelt sich um eine liebevolle Bezeichnung vom letzten Hostelbesitzer für unseren ungarischen Freund, der mit seinen jungen Jahren (er ist erst Mitte 50) auf typisch ungarische Weise zu bemerken gibt, dass ihm seine „Kräten“ wehtun.) Ich denke eine Sekunde an Balazs, dem man das nicht verübeln kann, er humpelt ja eigentlich mehr, als dass er wandert. So sieht es bei uns noch längst nicht aus, trotzdem sage ich nichts und wir genießen dieses kleine Melodrama ganz kurz bevor wir uns dann doch aus den Schlafsäcken schälen. Immerhin wollen wir den „Grandfather“, der einen Tag vor uns gestartet ist doch eigentlich heute einholen.

Dafür genießen wir ein leckeres Knuspermüsli in der Sonne und trocknen unsere etwas taunassen Schlafsäcke. Kurz überlege ich noch ob es wirklich sinnvoll ist wandern zu gehen, wenn es einem schon zum frühstücken zu heiß ist, aber ich ermahne mich dazu nicht zu viel rumzujammern und wir machen uns auf den Weg. Die Musik ist auch wieder mit am Start und gut gelaunt laufen wir vom Lake Ohau bergauf in die Ohau Ranges. Mit der Musik und der wunderschönen Landschaft im Hintergrund, fühlen wir uns ein bisschen wie in einem Film. Leider aber nur ein bisschen. Wäre das hier ein Film, dann würden wir nicht so laut schnaufen, es wäre nicht so anstrengend und die Sonne nicht so heiß. Und sowieso wo sind die Chips? Naja ihr seht…

Während ich vor mich hin träume lassen wir den Wald hinter uns, verabschieden uns für die kommenden Tage von den Bäumen und begrüßen die Tussockwiesen oberhalb der Baumgrenze. Bye Bye geliebter Schatten!

Uns trifft eine Hitzewelle, und ich bin erstaunt, dass es tatsächlich noch heißer sein kann als es bis eben war. Der Anstieg ist, naja ich will ja nicht schon wieder meckern, aber nicht wirklich angenehm. Die Aussicht ist dafür aber super (ich wurde darauf hingewiesen des Öfteren etwas positives zu erwähnen 😉). Ideal für ein paar mehr Pausen, denken wir und während Micha einige Fotos schießt pflücke ich einige Snowberries. Diese „Pause“ ist dann aber alles andere als „ideal“. Ohne Schatten ist es uns schon zu anstrengend einfach nur dazusitzen. Wir brauchen schon fast eine Pause von der Pause. Ich glaube es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass wir heute nicht die 27 Kilometer bis zum Ahuriri River laufen werden. 😄 Micha stimmt zu, und darüber bin ich ziemlich glücklich. Gerade kann ich mir schwer vorstellen überhaupt noch fünf weitere Kilometer zu schaffen. Also lieber Aufbrechen bevor wir noch irgendwo versacken. Wir wandern weiter durch Tussock bis zu einem Sattel und ab jetzt geht es sogar langsam wieder bergab.

Hier entspringt der East Aruriri River mit dem wir uns nun bis zu seiner Mündung in den großen Aruriri mitschlängeln. Wir sind glücklich, dass wir den anstrengenden Teil des Tages, die 800 Höhenmeter, hinter uns gelassen haben, denn fit sind wir nun wirklich nicht mehr. Ich stolpere immer wieder durch das Tussock und auch Micha geht es nicht viel besser, sodass wir schon nach einer geeigneten Fläche für unser Zelt Ausschau halten, aber das Tal ist hier noch viel zu felsig und es ist unmöglich eine waagerechte Stelle zu finden. Nicht schlimm ansich, weiter unten öffnet sich das Tal, aber das ist noch soooo weiiiiit…

Plötzlich höre ich wie Micha stolpert und als ich mich umdrehe sehe ich, dass er mit verzogenem Gesicht zwischen zwei Tussockbüschen liegt. Einige Schrecksekunden später, bin ich bei ihm und untersuche sein Sprunggelenk. Zum Glück ist nichts kaputt, aber weiter laufen werden wir heute trotzdem nicht mehr. Einige Meter weiter oberhalb findet sich doch eine Stelle wo wir unser Zelt aufschlagen könnten, ein kleiner tussockfreier Platz genau am Fluss.

An das Aufbauen ist jetzt aber noch nicht zu denken, dafür ist es viel zu heiß. Aneinandergequetscht in einen halben Quadratmeter Schatten an einem Felsvorsprung machen wir es uns so gemütlich wie möglich. Zeit für eine Snackpause. Es gibt Kräcker mit Käse.

Als die Sonne endlich hinter dem Bergkamm verschwunden ist trauen wir uns wieder aus unserem Versteck, bauen das Zelt auf (es scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein es zwischen den Steinen abzuspannen, aber am Ende steht es besser als erwartet) und kochen uns zu den restlichen Kräckern einen Käsedip. Der Tag ist doch noch perfekt.

Oh wieso ist es nachts denn nur so unglaublich kalt? Ich rolle mich in meinem Schlafsack eingemummelt noch ein bisschen hin und her bevor ich die Motivation finde meine Arme aus dem warmen Schlafsack zu nehmen und die Zelttür zu öffnen. Blauer Himmel. Nicht mehr lange und es wird unglaublich heiß sein. Nur ist davon jetzt, wo die Sonne noch hinter den Bergen verborgen ist nicht viel zu spüren, sodass ich mir erst einmal meine Daunenjacke aus dem Klamottensack fische. Wir frühstücken, packen unsere klammen und feuchten Sachen zusammen und stopfen das tropfende Zelt in seine Hülle. Es wiegt aufgrund der Kondensation bestimmt zwei Kilogramm mehr als es sollte. Das ist jetzt aber nicht mehr ultraleicht…

Dafür, dass wir beim frühstücken noch gefroren haben, strahlt die Sonne jetzt, wenige Minuten nach dem Aufbruch, über dem Bergkamm und verbreitet die gleiche saharaähnliche Hitze wie gestern. Oh je, wenn es morgens schon so heiß ist, wie wird es heute Mittag?

Der Weg führt uns weiter flussabwärts, das Tal wird immer breiter und immer noch ist weit und breit kein einziger Baum zu sehen. Inzwischen sind wir längst wieder unter der Baumgrenze, aber offensichtlich ist es hier wirklich einfach zu trocken für jegliche Art Gewächs. Selbst das Tussockgras verschwindet, aber ohne diese Stolperfallen kommen wir wieder viel schneller voran. Der orangene Sand bedeckt unsere Stiefel und Beine mit Staub und ich fühle mich ein bisschen wie im „Wilden Westen“. Bestimmt kommt Winnetou gleich mit seinem Pferd um die Ecke galoppiert. Das Einzige was dazu so gar nicht passt, ist die inzwischen einige Millimeter dicke Schicht Sonnencreme die von Pause zu Pause dicker wird. Ob wir sie jemals wieder abbekommen werden, frage ich mich seit gestern, als wir nach einem Bad im Fluss trotz aller Wasch- und Schrubversuche genauso weiß aussahen wie zuvor.

Dann sehen wir am Horizont eine handvoll Bäume, und freuen uns riesig auf eine Pause im Schatten. Die ersten Bäume, seit wir den Wald verlassen haben! Plötzlich können wir erstaunlich schnell laufen, und dort angekommen finden wir einen Bach, daneben eine kleine, sogar grüne Wiese und eine alte Feuerstelle. Diese kleine süße Oase ist die perfekte Stelle um die Mittagshitze zu überstehen. Wir füllen unsere Wasservorräte auf, schlemmen etwas Schokolade und kühlen unsere Füße im Wasser.

Als wir uns eine Stunde später entschließen weiterzulaufen, ist es zwar kein bisschen kühler (Micha verbrennt mir ein bisschen Haut mit seinen Wanderstöcken 😄) aber im Dunkeln möchten wir ja auch nicht laufen.

Bald sind wir am Ahuriri und gucken uns ganzschön entsetzt an. Was uns die Trailnotes nicht verraten haben ist nämlich, dass der Fluss einen rießigen Canyon in die Landschaft gegraben hat. Unser Ziel liegt nur einige Hundert Meter von uns entfernt, aber dazwischen ist dieser gigantische Graben.

Wir schalten also wieder auf Bergziegenmodus um und klettern hinunter zum Fluss, überqueren diesen (eine geniale Abkühlung!) und suchen einen Weg um auf der anderen Seite wieder hoch zu kommen. Was einfacher klingt als es ist. Die Wegführung geht nämlich einfach horizontal nach oben, wie soll das bitte gehen? Während ich inzwischen mit „whatever“  Laune anfange die Wand hinaufzuklettern sehe ich von halber Höhe aus Micha unten einen einfacheren Weg suchen. Sehr vernünftig, das hier ist wirklich ein mistiges Stück Wand. Seine Bemühungen sind schließlich auch von Erfolg gekrönt, er findet eine Stelle an der die Canyonwand nicht fast vertikal in den Himmel ragt. Jeder auf seinem Weg kommen wir letztlich oben an.

Diese Seite des Ahuriris, ist naja ziemlich genau wie die Andere, wilde Landschaft (schneeweiße Berge im Hintergrund, verdorrtes Gras im Vordergrund) und tatsächlich ein Hauch von Zivilisation! Eine Schotterstraße zieht sich durch die Natur, unser heutiges Ziel. Dort legen wir im Schatten des einzigen Fahrzeugs eine kurze Pause ein und entscheiden uns doch noch weiter zu laufen. Hier gibt es nicht einmal Wasser, kein Ort um über Nacht zu bleiben.

Also Musik wieder an, und weiter gehts, zurück in die Berge. Wir folgen einem alten 4WD (fourwheeldrive track) über Farmland. Der Weg ist einfach, nicht zu steil und außerdem sind wir in guter Begleitung. Unzählige Schafe und Kühe, määhn oder muuuhn uns an, gucken etwas skeptisch wie wir da so vor uns hin laufen, aber machen uns dann doch den Weg frei, während die Bullen das Geschehen ganz genau inspizieren. Zu unserem Glück hatten diese aber einen guten Tag, oder vielleicht war es ihnen auch einfach zu warm um uns zu vertreiben? Ein paar entgegenkommende Te Araroa Wanderer hatten da jedenfalls anderes zu berichten… 😄

Langsam geht die Sonne unter, und die kleine Hütte, unser heutiges Ziel, ist immer noch nicht zu sehen. Stattdessen reiht sich weiterhin Kuhfladen an Kuhfladen, sodass wir uns fragen, ob wir das Wasser von dem kleinen Fluss, dem wir folgen, wirklich trinken wollen. Bis jetzt will ich es zumindest nicht… Obwohl ich nun schon seit zwei Stunden ohne Wasser unterwegs bin, und mir die Zunge gefühlt schon im Mund festklebt, kann ich mich einfach nicht dazu überwinden hier aufzufüllen. Mein Kopfkino möchte sich diesbezüglich nämlich einfach nicht ausschalten (Kuhfladen, Kuhfladen, Kuhfladen …).

Was solls… Ich entscheide mich die letzten zwei Kilometer bis zur Hütte zu joggen, in der Hoffnung dann endlich flussaufwärts der Rinderweiden anzukommen und fladenfreies Wasser zu finden. Ziemlich bald sehe auch ich die süße uralte Hütte. Endlich. Das war ein langer Tag, 25km in DIESER Sonne. Mit meiner neu befüllten Wasserblase setze ich mich in den Schatten der Hütte, genieße die Landschaft, warte auf Micha und bemerke gar nicht, dass die zwei Liter Wasserblase schon wieder leer ist.

Wir bewundern die süße Hütte von innen, die mit Sesseln und allen möglichen uralten Möbeln ausgestattet ist und kreativ „Tin Hut“ (Blechhütte) getauft wurde. Trotzdem entscheiden wir uns zum Campen, hier innen lebt nämlich auf jeden Fall die ein oder andere Maus.

Nächster Morgen nach einer eisig kalten Nacht. Leckeres Knuspermüsli, ein nasses Zelt, ein klammer Schlafsack aber blauer wolkenloser Himmel. Alles beim Alten also. Heute führt uns der Te Araroa über den Mount Martha Sattel zur Top Timaru Hut.

Dementsprechend geht es für uns erstmal nur eines, nämlich bergauf. Uns stört es aber kein bisschen, die Aussicht ist unbeschreiblich und so anstrengend fühlt es sich heute nicht an. Eine Tatsache, die uns erleichtert. Seit wir in der Ship Cove Bay vor anderthalb Monaten aufgebrochen sind, fragen wir uns nämlich stetig, ab wann dieses verflixte „uphill“ uns endlich nicht mehr aus der Puste bringt. Aber was sollen wir sagen, wir schnaufen leider immer noch. Wir schnappen nach Luft, uns läuft der Schweiß die Stirn hinunter und unsere Waden brennen wenn wir oben angekommen sind. Inzwischen haben wir auch eingesehen, dass das wohl für immer so bleibt, den Berg kann man eben nicht hochfliegen. Geändert hat sich lediglich, dass wir jetzt weniger als die Hälfte der anfänglichen Zeit für diese liebevollen „Wadenkiller-Uphill-Sektionen“ brauchen. Naja, nicht das, was wir wollten, aber auch nicht schlecht. 😄

Die Stunden fliegen heute nur so vorbei, und schon liegt die Top Timaru Hut vor uns am Fluss. Erschöpft und völlig verschwitzt stürzen wir in die Hütte. Endlich Schatten! Überrascht stellen wir erst nach unserem weniger elegantem Erscheinen fest, dass bereits jemand auf dem Bett sitzt. Anja, eine deutsche Te Araroa Wanderin, die wir bereits am Rangitata kennengelernt haben. Was für eine Überraschung! Wir quatschen über dies und jenes, der übliche Trailtalk eben, „Wie fandest du die letzten Sektionen? Wo hast du gezeltet?“ Wann läufst du weiter?“, bis ich feststelle, dass es ohne ein Bad keinem zumutbar ist, dass ich weiterhin in der Hütte bleibe und Micha beim Entspannen im Fluss Gesellschaft leiste. Eine kleine Ewigkeit liegen wir in dem klaren Wasser, das zwischen den Felsen hindurch sprudelt und blubbert. Unser persönlicher Whirpool.

Während die Klamotten frisch gewaschen auf der Wäscheleine hängen, sitzen wir im Schatten und genießen die Gesellschaft. Ein NOBO („northbound“ Wanderer der den TA von Süd nach Nord läuft) gesellt sich zu uns und bei vielen Trailgeschichten und Schokolade vergehen zwei Stunden im Flug.

Matthew, der „NOBO“, erzählt, dass er heute, nicht den eigentlichen Weg gelaufen ist, sondern durch das Flussbett bis hier her gewatet ist. Wir überlegen es ihm gleich zu tun. Von vielen Seiten haben wir nun schon gehört, dass der kommende Wegabschnitt weder schön noch besonders in Schuss gehalten ist. Und sowieso, was gibt es bei diesen Temperaturen besseres als eine Abkühlung im Fluss? Wir entscheiden und für dieses kleine Canyoningabenteuer und brechen auf. Bis zur nächsten Hütte schaffen wir es heute zwar nicht mehr, aber die Idee noch ein bisschen „offpath“ durch den Fluss zu waten, lässt uns fröhlich auf dem Luxus einer Hütte verzichten.

Flix verpacken wir unseren Haufen Elektronikkram in Plastikbeutel und Drybags, und genau wie Matthew es erzählt hat verengt sich das breite Flussbett des Timaru Rivers ziemlich bald zu einem engen Canyon. Es ist unglaublich schön. Ein echtes kleines Abendteuer aber auch: das Wasser steht mir jetzt schon bis zur Hüfte, mit unseren Wanderstöcken tasten wir den Boden ab um nicht plötzlich samt Rucksack schwimmen zu gehen. Von den Seiten der Schlucht kommen Wasserfälle runtergestürzt und immer wieder müssen wir über die Seitenhänge klettern um zu tiefe oder zu schnell fließende Abschnitte des Timarus zu umgehen.

Wir waten durch den Fluss, klettern und springen von Fels zu Fels, immer weiter, bis sich das Tal wieder öffnet und links und rechts kleine grüne Wiesen zu sehen sind. Die Zeit ist unglaublich schnell vergangen. Heute Nacht werden wir unser Zelt hier aufzuschlagen bevor es dunkel wird und so genießen ein leckeres Abendessen zwischen zahlreichen blutrünstigen Sandflies. Wir haben sie nicht vermisst.

Am nächsten Morgen sind die Sandflies leider immer noch da. Zu schade aber auch. Und nicht nur das, sie haben sich auch noch vermehrt. Unser Zelt ist übersäht von tausend kleinen schwarzen Punkten. Diese kleinen Bastarde…

Es kommt wie erwartet, kurz nachdem wir unsere Beine aus dem Innenzelt herausstrecken sind diese bereits von Sandflies belagert.

Dank der lieben Biester sind unsere Sachen so schnell wie noch nie gepackt und wir widmen uns unserer Lieblingsaktion am Morgen. Nasse Socken und tropfende Schuhe anziehen. Wirklich genial.

Noch ist es ziemlich kalt in der Schlucht, und so richtig überzeugt bin ich von der Idee jetzt bis zur Hüfte im Wasser zu stehen noch nicht. Micha geht es genauso also werden wir dem normalen Weg seine Chance zu geben. Was ungefähr drei Minuten gut funktioniert. Danach geht es steil bergauf um gleich danach wieder bergab zurück zum Timaru zu führen. Wer hat sich denn hier mal wieder einen Spaß erlaubt?

Wir bleiben doch lieber beim Flussbett. Aber der Timaru meint es gerade auch nicht wirklich gut mit uns, denn die Schlucht verengt sich wieder zu einem Canyon und kurz darauf finden wir uns von Felsen zu Felsen hüpfend wieder. Bis es nicht weiter geht. Vor uns liegt ein Wasserfall. Zwar weder groß noch gefährlich, aber zumindest unmöglich ihn trockenen Rucksacks zu passieren. Na dann, Kletteraktion die Zweite. Vom Flussufer klettern wir seitlich den Hang hinauf um weiter oberhalb diese Stelle zu passieren. Einige verlorene Nerven und eine halbe Stunde später können wir dann endlich im Fluss weiter waten.

Inzwischen gucken wir immer wieder auf unser GPS Gerät, immerhin wollen wir die letzte Ausstiegsstelle zurück zum Weg auf keinen Fall verpassen. Zwei Kilometer sind es bis dahin aber noch, bei unserer jetzigen Geschwindigkeit, noch locker eine Stunde.

Nur das diese Stelle leider irgendwie nicht kommt. Seit wir das letzte mal auf unser Garmin GPS geschaut haben, sind wir an genau einer Kreuzung vorbeigekommen, aber das war nach etwa dreißig Minuten, zu früh um die Gesuchte zu sein. Aber inzwischen ist so viel Zeit vergangen und hinter jeder Ecke erwarten wir die orangenen Marker des Pfades. Waren wir so langsam? Wir bitten das GPS Gerät noch einmal zu Hilfe. Ups. Wir sind vorbeigelaufen. Und das nicht nur einige Meter. Die letzte Stelle die wir gesehen haben, war die Richtige. 1,5km dürfen wir jetzt wieder zurücklaufen. Wir sind beide schlecht gelaunt über unsere eigene Dämlichkeit. Micha, der eben bei einigen Kletteraktionen seine Höhenangst überwinden musste, ist besonders angefressen. Nicht nur, dass es umsonst war, nein jetzt muss er die gleichen Stellen nochmal überklettern. Außerdem fragen wir uns die ganze Zeit, wie es denn nur sein kann, dass wir plötzlich so viel zu schnell waren…

Letztendlich kommt die verpasste Ausstiegsstelle schneller als gedacht, und auch das Klettern fällt beim zweiten mal deutlich leichter. Dort angekommen legen wir eine Frustpause ein, um für die letzten Kilometer bis zur Hütte die verlorene  Motivation wiederzufinden. Ab jetzt geht es steil bergauf, zurück über die Baumgrenze und über den Bergkamm zur Stodys Hut. Die „Motovationssammelpause“ war dafür wohl offensichtlich zu viel des Guten, denn es dauert nicht einmal anderthalb Stunden dann sehen wir die alte Blechhütte vor uns liegen. Wir fragen uns kurz etwas an uns selbst zweifelnd wie wir es plötzlich geschafft haben, unser Ziel fast in der Hälfte der angegebenen Zeit erreicht zu haben, aber insgeheim sind wir beide einfach froh heute einen frühen Feierabend zu zelebrieren.

Passend zu dem gelungenen Tag, gibt es leckeres, gefriergetrocknetes „Mexican Style Chicken“, welches aber so scharf ist, dass wir mehrere hundert Gram Kartoffelbreipulver untermischen müssen um es überhaupt ohne Feuer zu spucken zu genießen. Auch Anja treffen wir wieder, und während ich schon wieder am Kochen bin, gibt es in unserem inzwischen ziemlich groß gewordenem Kreis an Te Araroa Wandern wieder viel zu lachen. Thema Nummer eins ist, wie immer, das Essen.

Während andere Menschen damit beschäftigt sind, darauf zu achten bloß nicht zu viele Kalorien zu sich zu nehmen, werden Tipps ausgetauscht, welches Nahrungsmittel die größtmögliche Kaloriendichte bei möglichst geringem Gewicht hat. Für die Meisten von uns ist es ja nicht einmal mehr möglich so viele Kalorien zu sich zu nehmen, wie am Tag verbrannt werden. Luxusprobleme, dachten wir am Anfang, Abnehmen ist doch super. Nachdem Micha aber nach zwei Wochen mehrere Kilogramm Gewicht verloren hatte und er sich gleichzeitig gefragt hat warum er nicht so fit ist wie sonst, sind wir dann doch ziemlich schnell auf die typische Hikerdiät umgestiegen. Schokoriegel, Peanutbutter und Käse vom Block. Klingt gesund oder?

Und während wir dabei sind, nach dem ersten noch einen zweiten Gang und einen Nachtisch (Peanutbutter aus dem Glas gelöffelt)  zu verzehren, gibt es nichts beruhigenderes als zu hören, dass es den Anderen nicht viel besser ergeht.

Ich wälze mich von der einen, auf die andere Seite und kann einfach nicht schlafen. Anja neben mir geht es genauso. Der Wind hat über Nacht zu einem Sturm aufgefrischt, der um unsere Blechhütte fegt und selbst das Bett zum wackeln bringt. Dann ist da auch noch diese Ratte, die unten auf dem Boden nach Fressbarem sucht. Sorgen mache ich mir nicht, unsere Rucksäcke haben wir gestern vorsichtshalber lieber weit oben an einen Haken gehängt. Aber das Rascheln und Knistern in Kombination mit dem Licht von Anjas Taschenlampe, die den Fußboden absucht, macht das Einschlafen einfach unmöglich. Ich kuschele mich an Micha und döse etwas vor mich hin, bis Luzias Wecker klingelt. Es ist um 5. „Immer diese übermotivierten Wanderer“, muss ich mit einem Grinsen im Gesicht denken, während nun wirklich nicht mehr ans Schlafen zu denken ist.

Kurze Zeit später, sitzen wir draußen und genießen einen warmen Porridge. Naja einen „Instantporridge“ diesmal. So schmeckt es auch.

Während sich die anderen Wanderer längst wieder in alle Richtungen verstreut haben, genießen wir noch etwas den Morgen und brechen zusammen mit Anja zum Breast Hill auf. Uns erwartet, mal wieder, ein ganzschöner Anstieg, aber der Weg ist leicht und heiß ist es auch nicht. Schade eigentlich, aber eine nette Abwechslung. Dafür peitscht uns heute der Wind um die Ohren. Er schiebt uns einfach so hin und her, immer wieder müssen wir uns mit unseren Wanderstöcken abfangen um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. An das Geradeauslaufen ist nicht zu denken, der Wind scheint ständig zu drehen, sodass wir unwillkürlich von einer zur anderen Seite schwanken. Aber die Aussicht ist gigantisch, der Gipfelkette folgend, sehen die schnell ziehenden Wolken auf den weiter entfernt liegenden Bergen aus wie tanzende Punkte.

Dann geht es bereits hinauf zum Breast Hill. Micha und ich nutzen den Aufstieg als kleine Trainingseinheit und stoppen die Zeit bis zum Gipfel. 20 Minuten später stehen wir vollkommen durchschwitzt und mit brennenden Muskeln, aber glücklich oben. Uns belohnt eine 360 Grad Sicht, von Wanaka über den Lake Hawea bis über den Mount Aspiring National Park und natürlich eine steife Brise Wind. Wir müssen etwas schmunzeln, denn während sich wenige Kilometer weiter auf dem Roys Peak, Tourist an Tourist quetscht ist hier keine Menschenseele.

Nach dem Abstieg wärmen wir uns in der nahegelegenen Pakituhi Hut bei einer heißen Schokolade und einem Kaffee auf. Wir verabschieden uns von Anja die den den für heute Nacht angekündigten „super-blue-moon“, von hier oben aus beobachten möchte und machen uns an den Abstieg zum Lake Hawea zurück in die Zivilisation. Die Trailnotes prophezeien eine anspruchsvolle Sektion, die ausgesetzt und steil über einen Sattel 950 Höhenmeter nach unten führt. Unrecht haben sie nicht, wie wir kurz darauf feststellen. Über einige Felsen hinweg geht es wirklich steil nach unten, und während wir von Wind hin und her schwanken geben wir uns Mühe den Abhängen so fern wie möglich zu bleiben.

Aber langsam kommt der See immer näher und wir sind froh als wir unten ankommen und sich nun nur noch waagerechte Flächen um uns herum befinden.

So richtig entspannen können wir aber dennoch nicht. Von einigen Wanderern haben wir erfahren, dass es nahezu unmöglich ist eine Unterkunft in Wanaka zu finden. Ansich kein Problem, unser Zelt haben wir ja immer dabei. Eines der Probleme des Lebens im Backcountry ist aber, dass Neuigkeiten einen meist ziemlich spät erreichen. So wie jetzt gerade. Auf ziemlich jedem sozialen Netzwerk häufen sich Meldungen über eine Unwetterwarnung von heute bis morgen Nacht. Perfektes Timing unsererseits zwar, wir sind aus den Bergen raus, aber uns stehen zwei Nächte bevor, die man nun wirklich nicht in einem Zelt verbringen möchte. Es folgt eine lange Anrufkette, aber es sieht schlecht aus. Die Hostels sind ausgebucht, die Motels auch, lediglich der Campingplatz hat noch einen Platz frei. Campen bei einer Unwetterwarnung? Der Gedanke allein macht mir schlechte Laune. Wir suchen weiter. Letztendlich finden wir über Airbnb, einen kleinen Wohnwagen im Hintergarten von Nina. Eine liebe Mutti, mit ihrer süßen Tochter. Etwas besseres hätte uns nicht passieren können.

Erleichtert machen wir uns endlich auf den Weg nach Lake Hawea Village. Während wir entlang des Sees wandern, spritzen uns die Schaumkronen ins Gesicht und die Berge sind längst in Regenwolken gehüllt. Egal wie sehr jetzt gleich die Welt untergeht, heute Abend werden wir in diesem Wohnwagen sitzen und der Welt beim untergehen zugucken…

Mit diesem Gedanken, lässt sich der letzte Abschnitt auch richtig genießen.

Kurz darauf stehen wir schon in diesem Dorf, das sich eher als eine Reichensiedlung außerhalb von Wanaka herausstellt. Steinhäuser mit begrünten Vorgärten reihen sich aneinander, eine Seltenheit hier in Neuseeland, einem Land der Holzhäuser. Micha hält einem vorbeifahrendem Auto halbherzig den Daumen nach oben, wir rechnen weder mit einem Hitch, noch bräuchten wir wirklich einen. Schön wäre es natürlich trotzdem. Naja was soll ich sagen, der Kiwi fährt uns bis an den Statehighway 6, die Verbindungsstraße nach Wanaka, obwohl er eigentlich gerade nur kurz im Ortszentrum ein paar Wege erledigen wollte. Wir sind schon wieder sprachlos und fragen uns, wie zum Teufel wir uns jemals für so viel Freundlichkeit bedanken können?

Kurz darauf sitzen wir mit einem Eis nahe das Highways im Gras um das soeben Erlebte erst einmal zu verarbeiten, bis wir von fetten Regentropfen aus unseren Gedanken gerissen werden. So ein Mist. Jetzt am Highway stehend hoffe ich inständig das Glück möge uns für diesen letzten Hitch nicht im Stich lassen. Aber wieso ich mir darüber überhaupt Sorgen mache, frage ich mich schon fünf Minuten später, als ein Kiwi seinen Jeep neben uns auf der Wiese platziert und sein Surfboard im Kofferraum verstaut um Platz für uns zu schaffen. Schon sind wir auf dem Weg nach Wanaka, während der Regen unerlässlich auf die Frontscheibe prasselt. Die Frage was er hier im Innland mit einem Surfboard im Auto macht sparen wir uns. Auf dem Weg zum Highway haben wir vorhin eine Gruppe von Surfern auf dem Lake Hawea paddelnd, zwischen den meterhohen Wellen gesehen. Ernsthaft auf einem See? Ich meine, das ist auf der Ostsee ja schon schwierig, aber das hier ist ein See!!!

Wie auch immer, mit einem Grinsen auf den Lippen muss ich feststellen, dass Micha genau denkt wie ich. In Neuseeland darf einen wirklich gar nichts mehr wundern. Auch nicht die Tatsache, dass wir bis vor die Haustüre von unserer Gastgeberin gefahren werden, und unser Fahrer dafür für mehrere Kilometer an seinem Haus vorbeifährt. Kiwi hospitality eben. Oder wer von euch wurde in Deutschland schon mal von einem „wildfremden“ (übrigens eines der wohl „deutschesten“ Worte überhaupt 😄) vor der Haustüre abgesetzt?

Nina, unsere Gastgeberin, ist lustigerweise Deutsche, und genau deshalb vor zwanzig Jahren hier in Neuseeland hängen geblieben. Wir quatschen kurz über dies und das, bevor wir es uns im Wohnwagen gemütlich machen, und der Welt beim untergehen zuschauen.


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