Abbruch Medizinstudium – Das waren meine Gründe

Einen Doktortitel vor seinem Namen, einen weißen Kittel, sehr guter Verdienst und der vermeintlich tägliche Kampf gegen den Tod. Für viele ist das Medizinstudium ein Traum. Dennoch habe ich mich dazu entschieden das Medizinstudium abzubrechen. Welche Gründe mich dazu gebracht haben und ob ich den Abbruch bereue erfahrt ihr in diesem Artikel. 

Wie war mein Weg vor dem Start meines Medizinstudiums 

Seitdem Abitur habe ich kaum was anderes gemacht, als mich auf das Studium und ein Leben in der Medizinerwelt vorzubereiten. Erst habe ich eine Ausbildung als Rettungsassistent gemacht und auch in diesem Bereich gearbeitet. Ich habe daraufhin sogar ein Stipendium bekommen und konnte dadurch jede Qualifikation in diesem Bereich erwerben. Ich habe eine Spezialisierung auf Großschadenslagen gemacht, bin Erste-Hilfe-Ausbilder geworden und habe schließlich selbst ausgebildet. Ich habe fast jede Schicht übernommen die ich übernehmen konnte. Es gab Monate in denen ich bis zu 250 Stunden gearbeitet. Jahrelang habe ich weder Silvester noch Weihnachten zu Hause verbracht, sondern lediglich auf Rettungswachen. 

Irgendwann hat sich jedoch mein Körper gemeldet und mir mit der Diagnose Bluthochdruck gezeigt, dass ich etwas zurücktreten sollte und eine Auszeit brauche. Schließlich haben Miri und ich uns das erste Mal dazu entschieden eine längere Reise nach Neuseeland anzutreten. Nachdem wir von dem 7 monatigen Trip wieder zurückgekommen sind, haben wir uns gegen einen Wiedereintritt in den Rettungsdienst entschieden und haben 7 Monate als Surfleher gearbeitet. 

Schließlich ging es für uns ein zweites Mal nach Neuseeland und das hat uns nochmal in ganz besonderer Art und Weise geprägt. Dadurch wir einen der härtesten Fernwanderwege der Welt gegangen sind, haben wir unsere mentalen und körperlichen Grenzen kennengelernt und unsere Komfortzone erweitert. Wir sind mutiger und entschlossener denn je nach Deutschland zurückgekehrt und haben uns sofort als Fotografen selbstständig gemacht. Denn wir wussten genau: wir könnten nie wieder in einem normalen Angestelltenverhältnis arbeiten. 

Im Oktober 2018 ging das Studium schließlich los. Zu Beginn war ich total glücklich und sprühte regelrecht vor positiven Gefühlen. Doch ohne es richtig zu merken, hat der Anfang vom Ende meiner Medizinerkarriere begonnen. 

Was fande ich am Medizinstudium toll? 

Zuerst einmal möchte ich klarstellen, dass ich jeden verstehen kann, der ein Medizinstudium beginnt. Es gibt sehr viele spannende und interessante Fächer. Es gibt kaum etwas cooleres als den Körper des Menschen vertiefend kennenzulernen.

Die Atmosphäre unter uns Studenten war ebenfalls toll, da es einfach keinen Stillstand gab. Jeder war motiviert und fokussiert. Es gab niemanden der faul war. Niemals zu vor im Leben hatte ich das Gefühl, dass ich mich mit so vielen intelligenten Menschen umgebe. An dieser Stelle möchte ich sagen, dass man dennoch sehr gut mit Medizinern feiern kann und dass das Klischee vom nerdigen 1,0 Abiturienten wirklich nur selten zutrifft. 

Was waren meine Gründe für den Abbruch des Medizinstudiums? 

Bevor ich detailliert auf meine Gründe eingehe, möchte ich festhalten, dass der Abbruch des Medizinstudiums meine freien Entscheidung war und nicht daran lag, dass ich Prüfungen nicht bestanden habe und somit exmatrikuliert wurde. Ich war ein normaler Student, welcher sich noch in der Regelstudienzeit befunden hat.

Kommen wir zum ersten Grund für meine Entscheidung. Ein Studium bedeutet für mich, dass ich die Chance habe über den Tellerrand hinauszublicken und mich über das normale Arbeitsfeld hinaus bilden zu können. Egal ob Musikkurse, Sprachkurse, Diskussionsrunden oder ähnliches. Doch all diese Angebote gab es im Medizinstudium leider nicht. Der Stundenplan wurde bereits für einen zusammengestellt, ohne das man zusätzliche Module wählen durfte oder sich für Prüfungen an oder abmelden durfte. Selbst wenn die Universität eine übergeordnete Projektwoche für alle Fakultäten organisiert hat, war die Universitätsmedizin die einzige Fakultät, die nicht mitmachen wollte. Das hat sich ebenfalls im Alltag wiedergespiegelt. In diesem Bereich gibt es wirklich sehr viel verbesserungsbedarf, denn sehr viele Medizinstudentinnen und Studenten sind sehr unglücklich über diesen Fakt immer abseits der anderen Fakultäten zu sein.

Der nächste Punkt ist der Elitegedanke. In keinem anderen Studiengang dreht sich das ganze Leben nur um das Studium. Auf jeder Party und in fast jedem Gespräch dreht es sich um die gleichen Themen. Man wird oftmals dargestellt, als wäre man die Krone der Schöpfung und leider unterstützen diese Ansicht auch sehr viele Professoren. Zum Glück habe ich während meiner Reisen gemerkt, dass es in anderen Ländern nicht so ist. Da ist es nichts besonderes Arzt zu sein, sondern da ist es ein Beruf wie jeder andere auch. Dieser Punkt hat letztlich zu einer leicht arroganten Note im Studium geführt. Ich habe mich tatsächlich bei einigen Mitstudentinnen und Studenten gefragt: wann hat es in der Medizin damit begonnen, dass es so sehr um Prestige und Ansehen geht und die wirklich wichtigen Dinge so vernachlässigt werden? Doch das wäre Stoff für ein ganzes Buch und soll jetzt nicht weiter ausgeführt werden.

Ein weiterer Grund für den Abbruch meines Medizinstudiums ist die konservative Struktur und Lehre. Sicherlich ist diese Thematik in vielen Bereichen und Studiengängen vertreten. Ich kann aber gar nicht aufzählen, wie oft Professoren und Dozenten mit Rücken zu den Studentinnen und Studenten standen und einfach die Folien vorgelesen haben. Dennoch musste man bei vielen Veranstaltungen anwesend sein, auch wenn diese alles andere als sinnvoll oder produktiv waren. In den mündlichen Prüfungen gab es keinerlei einheitliche Regelungen, keine Protokollführer und keine definierten Bestehensgrenzen. Es gab Prüfer, die haben einen nach der ersten nicht beantworteten Frage direkt rausgeworfen und dann gab es Prüfer, die dir 5-6 weitere Fragen gestellt haben. Dadurch hatte man die ganze Zeit das Gefühl, der puren Willkür der Prüferinnen und Prüfer ausgesetzt zu sein.

Individualität ist nicht wirklich gewünscht, da man keinen Einfluss auf die Struktur und die Vorgaben nehmen kann. Es ist egal, ob man nebenbei Arbeiten muss oder man wichtige Verpflichtungen hat. Im Medizinstudium kann man sich leider nicht dazu entscheiden, sich von Prüfungen abzumelden, sondern muss jede mitschreiben. Dabei ist es unwichtig, ob es sinnvoll ist oder nicht. Auf eine freie Entfaltung der zukünftigen Medizinerinnen und Mediziner wird keinerlei Wert gelegt.

Medizinstudium Abbruch kreativ

Insgesamt habe ich einfach für mich festgestellt, dass Medizin nicht zu meinen Vorstellungen und zu meinem Lebenskonzept passt. Seitdem ich 15 bin, habe ich eine starke kreative Seite. Ich habe viele Gedichte geschrieben, selbst Musik gemacht und Lieder produziert. Irgendwann kam die Fotografie und die Reiselust dazu. Miri und ich haben uns dann sogar selbstständig gemacht und haben parallel zum Studium daran gearbeitet die Selbstständigkeit noch viel weiter auszubauen. Ich arbeite sehr gerne orstunabhängig und habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass es als Arzt einfach nicht möglich ist.

Ich kann es mir für mich nicht mehr vorstellen, im Schichtsystem zu arbeiten und vorgeschrieben zu bekommen, wann ich meine 26 Urlaubstage nehmen darf. Weiterhin sind viele Vorgehensweisen in Kliniken mehr als fragwürdig, denn zu oft steht Profit über dem Patientenwohl. Jetzt werden einige sagen, dass ich mich doch auch als Arzt selbstständig machen kann. Dem stimme ich durchaus zu, nur ist es für mich eine Art „Scheinselbstständigkeit“. Ein Arzt muss feste Zeiten aufweisen und kann nicht von nachts 23 Uhr bis um 6 Uhr am Morgen öffnen, oder an einem Sonntag, sondern muss sich den Patienten anpassen. Darüberhinaus ist es nicht möglich, die Praxis einfach mal für 6 Monate zu schließen, da man einen Patientenstamm hat, welchen man betreuen muss.

Sollte jemand denken, dass es mir in meinem Leben nur um Freizeit geht, dann kann ich das ganz klar verneinen. Ich arbeite gern und ich arbeite auch viel. Mir ist es jedoch wichtig, dass ich bei den Spielregeln und den Rahmenbedingungen mitreden darf und ich mich dabei einfach zu 100 Prozent wohlfühle. Denn wenn ich eins im Rettungsdienst gelernt habe, dann dass das Leben viel zu kurz ist um einer Arbeit nachzugehen die einem keinen Spaß macht und einen nicht erfüllt.

Bereue ich den Abbruch des Medizinstudiums?

Diese Frage bekomme ich immer wieder gestellt. Und da sind wir wieder bei der Thematik, dass es sich in vielen Gesprächen immer wieder um das Medizinstudium dreht. Aber um die Frage zu beantworten: nein, ich bereue es nicht. Ich habe endlich Entscheidungsgewalt über mein Studium und über meine persönliche Entwicklung. Seitdem ich das Studium gewechselt habe, kann ich meine Selbstständigkeit noch viel mehr ausweiten und verbessern. Ich kann endlich die Bereiche in mein Leben integrieren, die mir vorher verwehrt geblieben sind und habe eine deutlich höhere Lebensqualität. Darüberhinaus bin ich kein Freund davon, Entscheidungen zu bereuen. Ich finde, dass man sich einfach zu wichtig nimmt und vielen Entscheidungen viel zu viel Wert beimisst.

Wie ihr seht hatte ich sehr viele persönliche Gründe für meinen Abbruch des Medizinstudiums und glaubt mir, die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen. Dennoch war sie wichtig und für mich die einzige logische Schlussfolgerung, da die Kontraseite weitaus mehr Punkte aufgewiesen hat. Auch wenn ich Medizin stets mit Leidenschaft und Ambition verfolgt habe, ist es einfach an der Zeit meinen Weg zu gehen.

Da ich weiß das dieses Thema sehr viel Diskussionspotenzial mit sich bringt, würde ich mich über einen Kommentar sehr freuen!

Roadtrip Spanien Monthly Diary
Unser Monthly Diary – Ein Rückblick auf unseren Sommer
Unser Monthly Diary – Unser Herbstrückblick

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü
%d Bloggern gefällt das: